Rückblickend betrachtet verhielt sich Ragna schon vorgestern, bevor wir nach Konstanz aufbrachen, irgendwie seltsam. Gegen 10 holte ich sie am Stall ab, wo sie, an den Hals ihres Pferdes Bela gelehnt, kaum hörbar in die Mähne des schwarzen Hengstes flüsterte. Als sie mich kommen hörte, drehte sie sich um und lächelte mich verunsichert an.
„Hörst du dieses Plätschern?“, fragte sie mich. Ich lauschte, hörte aber nur den Regen, der draußen unablässig vom düster-grauen Himmel fiel. Während sie den trotz der frühen Stunde dämmrig wirkenden Stall ablief und nach der Quelle des Geräusches suchte, scharrte Bela unruhig mit den Hufen und wieherte leise.
„Wir müssen los, Schatz, der Zug fährt in 20 Minuten“, drängte ich, und sie klopfte ihrem geliebten Pferd noch einmal den Hals, bevor sie sich verabschiedete. Sie war unverhältnismäßig wehmütig, wie ich fand – ich schob es auf die Schwangerschaft, von der noch nicht viel zu sehen war, bis auf eine leichte Wölbung.
„Na komm“, lachte ich, „wir fahren doch nur übers Wochenende weg, und deine Mutter kümmert sich hervorragend um Bela.“
Nach vierstündiger Zugfahrt durch eine in trübes Schummerlicht getauchte Landschaft hatten wir Konstanz erreicht – mein Geschenk an Ragna zum 30. Geburtstag. Ich wollte ihr meine Studienstadt zeigen und ihr meinen alten Freund Jens vorstellen, der mit seiner Frau und der kleinen Tochter erst kürzlich in ein Haus direkt am See gezogen war. Jetzt wünschte ich, ich hätte ihr etwas anderes geschenkt. Aber ich wollte Jens und seine Ute so gern wiedersehen, wollte sie mit Ragna bekannt machen, und die kleine Tochter der beiden hatte ich auch noch nie gesehen. Sie war immerhin schon sechs Jahre alt.
Ich hatte ein Hotelzimmer in der Nähe des Bahnhofs gemietet. Trotz des ungemütlichen Herbstwetters war ich guter Stimmung. Meine Liebste hingegen war in Grübeleien versunken. Als wir durch eine enge Gasse zum Hotel eilten, schrie sie plötzlich auf und sackte auf die Knie. Erschrocken kniete ich mich ebenfalls hin. Ihr Gesicht war blutüberströmt, und neben ihr lag ein Gegenstand aus Metall, der ihr offensichtlich auf den Kopf gefallen war. Ich schaute nach oben, aber da waren nur strömender Regen und dunkle Wolken, kein Mensch weit und breit. Eine Platzwunde klaffte mitten in Ragnas blondem Schopf, und ich versuchte, mithilfe einiger Taschentücher das Blut zu stoppen. Sie sah mich benommen an.
„Alles nur wegen des Geldes“, sagte sie merkwürdigerweise. Eine Gehirnerschütterung, dachte ich, steckte den Metallgegenstand ein und zog sie hoch. Wir fuhren zum nächstgelegenen Krankenhaus, wo die Wunde genäht wurde. Ragna schien keine Schmerzen zu haben, war aber ein wenig verwirrt. Der Arzt hielt das für einen Schock und wollte ihr eine Beruhigungsspritze verabreichen. Ragna lehnte wegen der Schwangerschaft ab. Ich wusste nicht, ob ich mir mehr Sorgen wegen Ragna oder wegen unseres Babys machen sollte. Auf meine Frage, ob sie nach Hause wolle, entgegnete meine tapfere Frau, sie wolle unbedingt Konstanz sehen. Dass man einen Teil ihrer Haare abrasiert hatte und nun ein großes Pflaster auf ihrem Schädel prangte, interessierte sie nicht weiter.
Der Regen hatte nachgelassen, aber ein eisiger Wind trieb schwarze Wolkenfelder über eine schmutziggraue Kulisse. Wir liefen zu Fuß zurück zum Hotel – zu meiner Verblüffung war Ragna geradezu besessen davon, nun möglichst viel von der Stadt zu sehen, die sich so lichtarm und trist zeigte, wie ich sie zuvor nie erlebt hatte. Als wir am Konzilsgebäude vorbeikamen, sagte ich:
„Im 15. Jahrhundert hat in diesem Gebäude …“
„… das Konzil von Konstanz stattgefunden“, unterbrach sie mich ungeduldig, als erzählte ich ihr eine Anekdote zum hundertsten Male.
„Du warst doch noch nie hier, oder?“ fragte ich erstaunt.
„Nein“, antwortete sie verunsichert. „Nein – nein …“, wiederholte sie, aber ein Zweifel schwang in ihrer Stimme.
„Hier haben wir immer Billard gespielt“, bemerkte ich auf dem Rückweg zum Hotel. „Dort drüben war damals unsere Stammkneipe.“ Meine Begleiterin quittierte meine Bemerkungen mit einem zerstreuten „hmhm“. Erst als wir am Münster ankamen, konnte ich ihre Aufmerksamkeit wiedergewinnen.
„Das berühmte Konstanzer Münster“, dozierte ich. „Der Heilige Konrad, maßgeblich an der Erbauung beteiligt, hat angeblich ein schlimmes Ende gefunden. Der Legende nach wurde erst sein Pferd ertränkt, später wurde er selbst erschlagen und im See versenkt. Einer der Mörder war übrigens ein Tiefenbach, ein Vorfahr der Handelsdynastie.“ Mehr hatte ich dazu nicht zu sagen, weil ich mir mein Hintergrundwissen erst am Vortrag angeeignet hatte. Ich hatte mich nie für die Sagen der Stadt und ihre Geschichte interessiert. Ich wollte lediglich meine Frau beeindrucken. Ragna nickte nachdenklich.
Den Rest des Abends verbrachten wir im Hotel und ruhten aus, denn für den nächsten Tag hatten wir uns ein strammes Sightseeing-Programm vorgenommen. Als wir im Bett lagen, sagte sie:
„Das Wasser im Bad läuft noch!“
Ich ging ins Badezimmer, aber da lief kein Wasser.
„Du hörst wahrscheinlich den Regen, der durch die Fallrohre läuft“, meinte ich, aber sie stand trotzdem auf, verschwand im Bad und überprüfte selbst die Wasserhähne, bevor sie zum Bett zurückkehrte. Draußen donnerte es, und plötzlich flackerte das Licht im Zimmer, bevor es ganz ausging. Das Telefon war tot. Stromausfall. Es blitzte – und im grellen Licht, das plötzlich das Zimmer erhellte, sah ich, dass Ragna, die still neben mir saß und zum Fenster blickte, Blut übers Gesicht lief. Es wurde wieder dunkel. Ich griff mein Handy und nutzte die Taschenlampen-App, um unfallfrei ins Bad zu hasten. Ich stutzte. Der Hahn am Waschbecken war geöffnet. Ich griff mir ein Handtush und hielt es unters Wasser. Während ich meiner Liebsten vorsichtig das Blut vom Gesicht wischte und ihr das Handtuch so gut es ging um den Kopf wickelte, streichelte sie meinen Arm und sagte:
„Das ist nur ein bisschen Blut, es könnte schlimmer kommen.“
Als das Licht wieder anging, rief ich an der Rezeption an, bat um den 1.-Hilfe-Kasten und verband Ragna so gut es ging neu. Bevor wir einschliefen, fragte ich sie, ob wir nicht doch besser am nächsten Tag heimfahren sollten.
„Wir müssen bleiben“, sagte sie.
„Müssen?“ entgegnete ich.
„Lass uns bitte bleiben“, bat sie, „ich möchte auf den Spuren deiner Vergangenheit wandeln – und Jens kennenlernen.“ Ich hielt ihre Worte für Interesse an meiner Studienzeit und war voller Rührung.
Am nächsten Morgen ließen wir die Wunde im Krankenhaus noch einmal versorgen und machten uns auf den Weg ins Archäologiemuseum. Das Wetter war keineswegs freundlicher geworden, sondern zeigte sich von seiner feindseligsten Seite. Es stürmte, und eine orkanartige Bö riss mir die Tür des Museums aus der Hand, die laut in den Anschlag krachte, sich nur mit viel Kraftaufwand wieder schließen ließ. Der Wind pfiff um das Gebäude. Ragna, sonst keine leidenschaftliche Museumsgängerin, nahm sich viel Zeit für die Vitrinen und Schaukästen. Vor allem in der Mittelalter-Abteilung betrachtete sie eingehend jedes Detail. Ich schlenderte hierhin und dorthin und stellte mich schließlich neben sie. Ich traute meinen Augen nicht. Da lag ein Gegenstand, der dem exakt glich, der Ragna am Bahnhof am Kopf getroffen hatte. Ich zog das Ding aus der Manteltasche. Tatsächlich. „Bärgewicht aus einem mittelalterlichen Hammerwerk am Rhein“ stand auf dem Schildchen. Ein Werkzeug, das vor Hunderten von Jahren bereits zur Bearbeitung von Erzen genutzt wurde. Ragna hatte nichts mitbekommen und war weitergegangen. Ich ließ das Metallobjekt wieder in meine Manteltasche gleiten und folgte ihr, während ich mich fragte, wo dieser jahrhundertealte Hammer hergekommen war.
Als wir aus dem Museum kamen, zog gerade ein kleiner Tross Demonstranten vorbei – sie kämpften gegen den Wind an, der an ihren Transparenten zerrte. „Fairer Lohn für gute Arbeit!“ Ein Demonstrant rempelte Ragna im Vorübergehen an. Wahrscheinlich nur ein Versehen, aber sie flüchtete angstvoll in meine Arme. Der Demonstrant warf uns einen finsteren Blick zu, während ich meine verschreckte Frau mit mir fortzog.
Mein Handy vibrierte und ich warf einen Blick darauf. Eine SMS von Ragnas Mutter: „Ruf mich dringend an, aber Ragna darf nichts davon mitbekommen!“ Da wir gleich am Eingang zu den Uni-Katakomben sein würden und eine Führung gebucht hatten, beschloss ich, den Rückruf danach zu tätigen. Meine Schwiegermutter – Sabine – war eine großzügige, liebevolle Frau, die in unserer Nachbarschaft wohnte und mir sehr ans Herz gewachsen war. Sie und ihr verstorbener Mann hatten Ragna als Neugeborenes adoptiert. Jemand hatte sie in einer Babyklappe abgelegt. Sie wusste nichts über ihre Herkunft, aber das machte ihr scheinbar nichts aus. Sie war der Meinung, etwas Besseres als ihre Adoptiveltern hätte ihr nicht passieren können.
Ich war gespannt auf die Katakomben, die ich zu meiner Konstanzer Zeit nie besichtigt hatte – ich hatte nicht einmal etwas von ihrer Existenz gewusst. Ragna war nicht nur gespannt, sondern sonderbar angespannt. Wortlos war sie an meiner Hand neben mir hergelaufen und hatte sich immer wieder nervös umgeschaut. Ich fragte sie, ob alles in Ordnung sei, und sie gab mir einen schnellen Kuss, nickte mir lächelnd zu, und ich ließ mich allzu leicht beruhigen. Am Eingang zu dem unterirdischen Labyrinth wartete bereits eine etwa 8-köpfige Touristengruppe. Die Führung versprach interessant zu werden, doch wir zwei verliefen uns schon bald in den spärlich beleuchteten, muffig-feuchten Nebengängen und verloren die anderen aus dem Blick. Es herrschte eine klamme Kälte, und Ragna wurde immer unruhiger, lief ziellos umher. Irgendwo plätscherte Wasser. Ich trat in eine tiefe Pfütze, und als ich mich umsah, war plötzlich überall Wasser. Bevor ich mich wundern konnte, zog meine Gefährtin meinen Blick auf sich: Sie starrte mit weit aufgerissenen Augen an mir vorbei, während sie panisch zu schreien anfing.
„Bela!“ kreischte sie voller Entsetzen. „Bela!“ Ich schaute mich erschrocken um, mir war, als würde ich ein Röcheln hören. Ragna schrie und schrie. Das Wasser stand uns jetzt bis zu den Knien. Ich watete platschend zu meiner Frau hinüber und riss sie an mich. Sie schluchzte. „Bela …“ Ich war ratlos.
„Wir müssen hier raus … Hilfe! Ist da jemand?“ rief ich und spürte mein Herz klopfen. Mein Handy hatte hier unten keinen Empfang. Das Wasser sprudelte bedrohlich und stieg weiter. Woher kam es? Ich zog die apathische Ragna mit mir den Gang entlang. Plötzlich ging es bergauf, wir folgten dem Tunnel mal nach rechts, mal nach links und standen mit einem Mal wieder im Trockenen. Ragna hatte sich beruhigt – und die Stimmen der Gruppe waren wieder zu hören. Rettungszeichen wiesen den Weg zum Ausgang. Uns war die Lust auf die Führung vergangen. Als wir ins Freie traten, gewitterte es schon wieder und war kaum heller als in den Katakomben. Wir steuerten ein nahegelegenes Café an. Ragna war erschöpft, ich verwirrt. Was war denn bloß los? Unser Ausflug stand unter keinem guten Stern. Zu allem Überfluss sickerte wieder Blut durch das Pflaster auf dem hübschen Kopf meiner verletzten Begleiterin.
„Es tut nicht weh“, sagte sie nur und setzte eine schwarze Mütze auf, die sie in ihrer Tasche dabeigehabt hatte.
„Wir sollten den Ausflug abbrechen und deinen Geburtstag morgen lieber ganz ruhig zu Hause feiern“, schlug ich vor.
„Nein!“ Ihre Vehemenz erschreckte mich, aber ich akzeptierte ihre Entscheidung.
Am Nachmittag wurden wir von Jens und seiner Familie erwartet. Ich hoffte, dass es gemütlich und entspannt werden würde. Das Taxi setzte uns vor der Tür einer großen modernen Villa im Bauhausstil ab. Jens, der aus dem hohen Norden stammte, hatte seine Frau Ute während des Studiums kennengelernt und war dann in Konstanz geblieben. Die beiden begrüßten uns herzlich, nahmen uns die Jacken ab und leiteten uns ins Wohnzimmer, wo bereits Kaffee und Kuchen bereitstanden. Eine riesige Glasfront eröffnete den Blick auf den Bodensee. Auf der gegenüberliegenden Seite der kleinen Bucht, an der mehrere Häuser noch im Bau waren, lag ein Segelboot an einem breiten Holzsteg und schaukelte heftig. Die ganze Szenerie hatte etwas Unwirkliches. Jens hatte es zu etwas gebracht, das war deutlich zu sehen: Das riesige Haus war mit teuren, steril wirkenden Möbeln eingerichtet. Der Regen prasselte gegen die Scheiben, und trotz der erdrückenden Wärme im Haus war mir etwas klamm zumute. Ein kleines blondes Mädchen stand regungslos neben dem Tisch und sah uns ernst an.
„Das ist unsere Tochter Konrada“, sagte Jens.
„Ungewöhnlicher Name“, entgegnete ich, und mein Freund warf mir einen schrägen Blick zu.
„Na ja, in einer traditionsreichen Konstanzer Familie wie meiner werden Namen gern über Generationen weitergegeben, und Konrada ist in meiner Sippe seit Jahrhunderten überliefert. Ich bin da ein bisschen konservativ“, erklärte Ute, die den Namen Konrada als zweiten Vornamen trug.
„Ich finde, das ist ein sehr schöner Name“, sagte Ragne – aus Höflichkeit? Nein, es war ernst gemeint –, und ich warf ihr einen erstaunten Blick zu. Ich hoffte, dass sie für unser Kind keinen solch altertümlichen Namen vorgesehen hatte. Sie hatte sich vor das Mädchen gehockt und sagte:
„Hallo, Konrada, ich bin Ragna.“ Die kleine nickte wissend und berührte mit ausgestrecktem Zeigefinger Ragnas Stirn.
„Konrada spricht so gut wie nicht und sucht auch keinen Kontakt, schon gar nicht körperlich, manchmal ist mir mein eigenes Kind unheimlich“, raunte mir Jens zu. „Ragna scheint einen besonders guten Draht zu ihr zu haben.“
Der Rest des Nachmittags verlief entspannt, lediglich Konradas Angewohnheit, regelmäßig mit der Kuchengabel wie eine kleinwüchsige Richterin auf den Tisch zu hämmern, beunruhigte mich, zumal sie dabei ständig zwischen Ragna und mir hin und her sah. Wir erzählten von unseren merkwürdigen Erlebnissen seit unserer Ankunft, und Ute, die eine medizinische Ausbildung hatte, versorgte die immer wieder blutende Wunde erneut.
„Warum bleibt ihr nicht einfach heute hier? Wir könnten gemeinsam in Ragnas Geburtstag reinfeiern – und wir haben ein sehr schönes Gästezimmer, das kaum genutzt wird!“ schlug Jens vor, und Ute sagte ein wenig gestelzt: „Ja, bitte, das wäre doch schön!“
Ragna und Konrada nickten nachdrücklich. Wir Männer fuhren in der beginnenden Dämmerung im strömenden Regen zum Hotel, holten das Gepäck ab und stornierten das Zimmer. Auf dem Rückweg war es draußen schon stockfinster. Der Regen hatte sich in eine wahre Sintflut verwandelt, anschwellende Bäche überfluteten den Rinnstein, zu Fuß war kaum jemand unterwegs. Mein Handy vibrierte. Ich hatte Sabine völlig vergessen. Noch bevor sie anfing zu reden, wusste ich, dass etwas Furchtbares passiert sein musste. Sie weinte und beschwor mich, Ragna nichts zu sagen. Mit kaum hörbarer Stimme erzählte meine Schwiegermutter, dass sie am Vormittag zum Stall gefahren und Bela tot aufgefunden hatte. Der Hengst war aber nicht einfach gestorben. Jemand hatte ihn umgebracht. Ich hielt unwillkürlich den Atem an und drückte mich erschrocken in den Sitz, während Jens mich alarmiert von der Seite aus anschaute. Jemand hatte Bela mit zusammengeschnürten Vorder- und Hinterbeinen kopfüber aufgehängt. Den Kopf des Tieres hatte man in ein Fass voller Wasser gehängt. Der arme Hengst war qualvoll ertrunken. Sabine wollte nicht, dass Ragna davon erfuhr, aber der Tathergang wurde noch untersucht. Sie beschwor mich, mit ihrer Tochter in Konstanz zu bleiben, bis die Sache abgeschlossen war und sie Ragna einen natürlichen Tod vorgaukeln konnte. Ich stimmte tonlos zu. In dem Moment wurde ich nach vorne geschleudert und das Handy fiel mir aus der Hand. Ich keuchte, denn der Gurt hatte mich schmerzhaft zurückgehalten. Das Auto war mitten auf der Straße zum Stehen gekommen.
„Was ist los?“ schrie ich Jens an.
Jens deutete wortlos auf die Straße. Im strömenden Regen konnte man keine 20 Meter weit sehen, aber vor uns war schemenhaft ein großes Tier zu sehen, das nun langsam in der Dunkelheit verschwand.
Schweigend fuhren wir zurück, das Auto wurde vom Wind merklich hin- und hergedrückt. Wir parkten. Im selben Augenblick hörte es auf zu regnen. Wir atmeten vor der Tür tief durch und betraten das Haus. Die Frauen saßen mit Konrada auf dem Sofa und schauten sich einen Bildband über Konstanz an, während sich draußen über dem See weißer Nebel zusammenzog.
„Morgen besichtigen wir das Münster nochmal in Ruhe, ja?“ begrüßte mich Ragna und wirkte entgegen meiner Verfassung friedvoll und aufgeräumt. „Schau mal!“ Sie deutete auf eine Abbildung, die ein Fries zeigte. Vier Männer auf einem Pferd. Ich versuchte zu lächeln.
„Ja, das können wir machen – überhaupt gibt es hier noch einiges zu sehen, vielleicht verlängern wir unseren Aufenthalt noch“, sagte ich, und Jens nickte zustimmend. Dann schlug er vor, wir Männer könnten uns um das Abendessen kümmern, wofür ich zutiefst dankbar war. Wir verzogen uns in die Küche und kippten erstmal ein Bier herunter, bevor wir den Kühlschrank inspizierten und Lebensmittel sowie Geschirr zu dem überdimensionierten Esstisch trugen. Dabei versuchten wir, uns möglichst unbefangen über alte Geschichten aus der Studienzeit zu unterhalten.
Das Essen verlief zunächst ein bisschen hölzern, vielleicht auch aufgrund meines inneren Aufruhrs nach dem Gespräch mit Sabine. Doch mit jedem Glas Wein – und wir tranken einiges – wurde die Stimmung gelöster; vorm Schlafengehen gab es noch einen seltenen, teuren Likör, von dem ich noch nie gehört hatte. Konrada saß stumm und mit unfreundlich gerunzelter Stirn zwischen ihrer Mutter und Ragna. Nachdem es den ganzen Tag gestürmt hatte, war nun alles totenstill. Das Segelboot war im Nebel verschwunden. Um Mitternacht stießen wir etwas freudlos auf Ragnas 30. Geburtstag an, danach beschlossen wir den Abend, und ich verschwand mit meiner geliebten Frau im Gästezimmer. Es lag zwar etwas düster im Souterrain, hatte aber ein eigenes Bad. Wie im ganzen Haus herrschte eine leicht einschüchternde Atmosphäre perfekter Ordnung. Bevor sie einschlief, holte Ragna eine kleine Schachtel aus ihrer Tasche.
„Das Geschenk meiner Mutter“, sagte sie. „Ach, das öffne ich morgen in Ruhe.“ Es waren die letzten Worte, die ich von ihr hören sollte.
Zwei Stunden später erwachte ich. Ich tastete nach Ragna, aber sie war nicht da. Ich machte die Nachttischlampe an. Durch das Fenster konnte ich den Garten nicht mehr sehen, der Nebel hatte uns völlig eingeschlossen. Dann fiel mein Blick auf Ragna. Sie stand in der Badezimmertür, doch sie war völlig entstellt, aufgedunsen, das nasse Haar klebte ihr strähnig im Gesicht und überall hing grünlicher Dreck an ihr. Ihr bläulicher Körper machte einen Schritt zurück ins Bad und schlug die Tür zu. Ich schrie und schrie, völlig außer mir, nicht imstande mich zu bewegen. Draußen hörte ich jemanden die Treppe herunterlaufen, die Tür wurde aufgerissen, und Jens stand atemlos dort.
„Was ist los?“
Ich schaute mich um. Außer Jens und mir war niemand zu sehen. Mein Freund sah mich fragend an.
„Wo ist Ragna?“ fragte ich.
„Vielleicht im Bad“, antwortete Jens und ging Richtung Badezimmertür.
„Nein, warte“, rief ich und Jens hielt inne, „sie ist wahrscheinlich oben und holt sich ein Glas Wasser.“
„Komm, wir schauen mal“, meinte Jens, schüttelte leicht den Kopf und wir begaben uns ein bisschen beklommen und erledigt ins Wohnzimmer, das leer und verlassen war. Plötzlich sah ich sie jenseits der Glasfront. Zwei Gestalten verschwanden auf dem Holzsteg im dichten Nebel. Eine kleine und eine große. Die kleine führte die große an der Hand.
„Jens!“ flüsterte ich – doch die beiden waren schon nicht mehr zu sehen. Ich zerrte an der Schiebetür. Endlich öffnete sie sich, und ich rannte auf die Terrasse hinaus. Jens hastete stolpernd hinterher. Vollkommene Stille umgab uns. Auch Ute trat plötzlich auf die Terrasse und fragte atemlos:
„Ist Konrada bei euch?“ Wir sahen uns an. Im selben Moment hörten wir, wie etwas ins Wasser fiel – mit einem Geräusch wie ein Hammer, der auf morsches Holz trifft. Ute schrie auf und rannte ins Haus zurück, um die Rettungskräfte zu rufen.
Seit zwei Stunden suchen sie den See ab. Sie finden nichts … Ich kehre ins Gästezimmer zurück. Auf Ragnas Nachttisch liegt das Schächtelchen von ihrer Mutter. Ich öffne es. Darin befindet sich ein Zettel. „Mein Liebling, alles Gute zum 30. Geburtstag. Als man dich in der Babyklappe fand, lag dort dieses Medaillon, das ich kürzlich in meiner Schmuckschatulle wiederfand. Es war einfach in Vergessenheit geraten. Es ist die einzige Brücke zu deinem vorigen Leben, möge es dir im jetzigen Glück bringen. Deine Mama“.
In der Schachtel liegt ein kleiner silberner Anhänger, schwarz angelaufen und doch mit einem klar erkennbaren, erhabenen Motiv versehen, der Abbildung eines Hammers. Auf der Rückseite ist ein Wort eingraviert: Tiefenbach.
Dieser Text ist im Jahr 2021 im Rahmen eines Wettbewerbs zu Ehren von H. P. Lovecraft entstanden.