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    Carnac

    Error – Error – Error

    Um Himmels Willen! Was ist denn jetzt schon wieder? Das rote Lämpchen blinkt regelmäßig, unaufhörlich – und nervtötend. Jedes Blinken wird durch ein akustisches Alarmsignal begleitet. Tröt!

    Trööt!

    Tröööt!

    Erst mal die Lautsprecher ausstellen. Er seufzt. Schon wieder Ärger mit diesem verfluchten Programm. Dabei war er damals so stolz darauf gewesen. Sein erstes selbstgeschriebenes Programm. Der Startpunkt seiner steilen Karriere. Damals war auch das Betriebssystem „Kosmos“ noch ganz neu gewesen, Nachfolger von „Schwarzloch“. Mittlerweile war es etwas in die Jahre gekommen, aber er war immer noch zufrieden damit. Das Ganze war ja eigentlich nur eine Spielerei gewesen, eine ABM gegen seine Langeweile. Der Launch seines Erstlings jedenfalls glich zwar eher einer Bastelstunde, aber das Ergebnis war dann doch bahnbrechend. Zugegeben, es hatte schon relativ schnell die ersten Probleme gegeben. Irgendein Apple-Fehler. Das Programm erstellte plötzlich unerwartete Instanzen von den Objekten, die er anfangs definiert hatte (ohne zu wissen, was genau er mit ihnen anfangen wollte) und fing an, sich selbst zu behindern. Daraufhin hatte er zunächst den Cleaner eingesetzt und dann das Programm mit den zehn heftigsten Viren getestet, die er kannte, darunter fR0grAin und C4ildsdEaTh#, die für unvorstellbares Chaos gesorgt hatten. Das Programm lief trotzdem weiter, das widerstandsfähige Ding, und – dem Himmel sei Dank – auch Updates ließen sich machen. Allerdings kam mit jedem Update ein neues Problem hinzu. Das Programm fing an sich selbst zu zerstören. Die Instanzen wurden immer mehr und scannten schon das gesamte Dateisystem, wie er dem Protokoll entnehmen konnte. Allerdings fehlten vielen von ihnen entscheidende Funktionen, sie verursachten einen Crash nach dem anderen. Er seufzte wieder und kraulte sich seinen aus der Form geratenen Hipsterbart. Ein weiteres Update würde sich wohl kaum lohnen. Er musste dem Übel an die Wurzel. Was tun? Das Programm komplett überarbeiten? Wenigstens die Default-Einstellungen? Schwierig. Die Sache hatte ihn schon so viel Zeit gekostet. Allein das Thema Sprachversionen …

    Ah, eine E-Mail. Von seinem belämmerten Sohn, der sich für einen Guru hält. Was will er? Schon wieder Geld? Kein Wunder, wenn er immer so großzügig an jeden Penner Brot und Wein verschenkt. Er hat ja auch nach der Schule nichts gelernt. „Wie wär’s mit Zimmermann?“ hatte er ihm vorgeschlagen. „Laaaangweilig“, war die Antwort gewesen. Klar, es war ja auch viel einfacher, von den Lizenzeinnahmen des berühmten Vaters zu leben. Wenn er das damals geahnt hätte, als er das Kind adoptiert hatte – aber die Familie lebte nun mal in wirklich prekären Verhältnissen. Er hatte es für eine ziemlich gute Idee gehalten. Nun ja. Es blinkt, und er hat plötzlich eine wirklich gute Idee – wie sein Sohn sich nützlich machen kann. Schließlich gibt es eine einzige Sache, mit der der Faulpelz sich auskennt: Computer. Er schreibt: „Komm her, wenn du was willst.“

    Eine Stunde später taucht das Faultier endlich auf, das ja nur die paar Schritte von Wolke 7 zu seiner Cloud machen musste. „Wenn du Geld brauchst, musst du erst etwas für mich erledigen.“ Augenrollen. Er überträgt seinem Ziehsohn die Aufgabe, das Programm zu bereinigen. Und siehe da: Der Junge stürzt sich mit Begeisterung in die Arbeit. Der Filius taucht mit seinem VR-Anzug, diesem neumodischen Teil, ab, um die neuronalen Netzwerke der Instanzen umzutrainieren. Als er wieder auftaucht, soll er natürlich erklären, was genau er gemacht hat und ob alles gut gelaufen ist. „Ich hab den Instanzen jede Menge Guidelines verpasst, jetzt läuft alles wieder.“ Der Junge sieht allerdings zerzaust aus, es muss anstrengend gewesen sein. Ob er auch keine Probleme beim Logout gehabt habe? „Nö, alles easy“, ist die Antwort – das Lächeln hängt dabei allerdings etwas schief. Das Blinken hat aufgehört. Halleluja, gerade rechtzeitig zur Mittagspause. Gabriel ruft schon: „Mein Gott, das Essen ist fertig!“ Hoffentlich nicht schon wieder Manna.

    Als er aus der Mittagspause zurückkommt, traut er seinen Augen nicht: Es blinkt wie zuvor. Error! Error! Sein Sohn, der Idiot, hat sich mit dem Geld, das er ihm dankbar in die Hand gedrückt hat, aus dem Staub gemacht. Das Wort „Error“ drängt sich wieder in sein Blickfeld, diesmal auf einem anderen Bildschirm. What? Das Programm hat angefangen, ein anderes Programm zu infizieren. Die Instanzen haben biometrische Footprints im Programm „Mond“ hinterlassen. Alles virtuell natürlich, aber trotzdem: Was soll er tun? Zu allem Überfluss scheint das Ganze jetzt auch noch Auswirkungen auf die Lüftung zu haben, die inzwischen lautstark auf Touren kommt. Eine Überhitzung droht. Vielleicht hilft ein simples Plug-in? Damals hatte das Hilfsprogramm „Ten norms“ gut geholfen. Aber jetzt? Nein, ihm reicht’s. Nachdem er auf install.exe für eine saubere Version von „Mond“ geklickt hat, schaut er auf die andere Seite des Co-Working-Lofts. Vielleicht bietet er die Lizenz für das schrottreife Programm „Erde“ einfach dieser Luzie Fair zum Kauf an. Sie war schon immer scharf darauf gewesen.

    Die Fotos sind im bretonischen Carnac am Strand entstanden. Da gibt es viel Himmel, und da oben ist vielleicht mehr los, als man von unten so denkt. Wer weiß …