„Ich weiß nicht, ob ich jetzt Dreck am Stecken habe. Ich weiß nur: Sie sind hinter mir her!“
Hilke war außer Atem, während sie auf dem Barhocker an ihrem Stammtisch Platz nahm. Die braunen Haare waren elektrisch aufgeladen und verliehen ihrem Kopf etwas wattebauschartiges. Gebrauchter Wattebausch. Wofür gebraucht? Gehen wir nicht weiter in die Tiefe. Tom sah sie mit weit geöffnetem Mund und nur halb so weit geöffneten Augen an. Tom, dessen Wortschatz ohnehin nicht zu den elaboriertesten zählte, stellte die seinem intellektuellen Vermögen nach einzig richtige Frage:
„Hä?“
„Ja, das ist schwierig!“, entgegnete sie in so atemberauendem Tempo, dass er nur „Jrich“ verstand und noch einmal „Hä?“ entgegnete.
„Mann!“ Hilke liebte Tom – irgendwie –, aber er war langsaaaaam. Cafébesitzerin Britta kam an den Tisch gehüpft, um die Bestellung aufzunehmen. In dem Moment fuhr draußen vor dem Café „Abhängi“ sehr langsam ein schwarzer Lieferwagen vorbei. Panisch schlug sich Hilke die Hände vors Gesicht. Tom, das tumbe Ei, öffnete die Augen ein wenig mehr.
„Ich muss weg“, rief Hilke ihm über die Distanz von 30 cm zu, sprang auf, der Barhocker knallte auf den Boden, und sie verschwand durch die Hintertür, die eigentlich eine Seitentür war und zur selben Straße leitete wie der Haupteingang.
Nun werdet ihr euch wundern. Ich kann’s euch erklären. Hilke ist 34. Nach dem Musikstudium hat sie alles darangesetzt, als Klarinettistin Fuß zu fassen. Das hat auch ganz passabel geklappt. Denn sie ist gut. Und auch recht gutaussehend. So gut und so gutaussehend, dass sie sich vor einigen Jahren trotz Freiberuflichkeit getraut hat, eine kleine 1-Zimmer-Wohnung in ihrer Wahl-Heimatstadt zu kaufen. Natürlich ist die Bude noch lange nicht abbezahlt, aber Hilke war guten Mutes. Dann kam Corona. Keine Engagements mehr. Keine Auftritte, keine Aufnahmen. Sie hatte schon alle Quellen ausgeschöpft, sich Geld geliehen, ihre Ersparnisse verbraucht. Keine Betriebsausgaben, also keine Soforthilfe. Hartz 4? Dann würde sie die Wohnung aufgeben müssen. Zurück zu den Eltern. DAS durfte nicht passieren. Und dann ereignete sich Folgendes …
Scheine. Große und kleine. Hilke, über der seit Monaten die Pleitegeier kreisten, stockte der Atem.
Als Hilke wirklich keine Hoffnung mehr hatte, öffnete sie eines Tages die Wohnungstür – und vor ihrem noch nicht abbezahlten Domizil stand eine Tasche. Kein schönes Exemplar. Ein eher altertümliches Modell. Sie hob die Tasche auf, die etwas muffig roch, und beschloss, im Haus herumzufragen. Sie ging nach oben zu dem schicken Pärchen, über das sie nichts wusste. Die rümpften die Nasen angesichts der Tasche. Offensichtlich nicht ihre. Daneben, bei Familie Kleinschmidt, wusste man auch nichts darüber. Hilkes stets barfüßiger Nachbar Detlef wollte mit dem Trageteil nichts zu tun haben. Der greise Herr Mertens im 2. Stockwerk öffnete nicht, und dessen Nachbarin Frau Davidoff wusste zwar nichts über dieses Trageungetüm, aber sehr viel über die Nachbarschaft, das sie unbedingt loswerden musste.
Hilke trug die Tasche also in ihre Wohnung. Und öffnete sie. Ihr glaubt es nicht: Sie war voller Geld. Scheine. Große und kleine. Hilke, über der seit Monaten die Pleitegeier kreisten, stockte der Atem. Sie japste richtiggehend nach Luft. Hahaaaaahhhhhmmmm. Dann fing sie an zu zählen. Sie zählte und zählte – das dauerte! Und was soll ich euch sagen? Es waren 2 Millionen Euro. 2 Millionen! Habt ihr schon mal 2 Millionen gezählt? Als sie endlich fertig war, wollte Hilke Tom davon berichten, aber dazu kam es ja nicht. Besser so. Wer weiß, was die Transuse gemacht hätte. Jedenfalls. Hilke versteckte die Tasche mit den zwei Millionen in ihrer 1-Zimmer-Wohnung. Gar nicht so leicht. In der Spülmaschine schien ihr ein geeigneter Platz. Sie drehte das Wasser ab und schickte eine WhatsApp-Nachricht an Tom.
„Muss dich treffen. In 30 Minuten im ‚Abhängi‘!“ Dass sie Tom dort traf, wisst ihr bereits. Aber zwischen Spülmaschine und Abhängi passierte noch etwas.
Während Hilke noch mit Geldzählen beschäftigt war, fuhr auf der anderen Straßenseite ein dunkler Lieferwagen vor, ein bisschen holprig, denn der Fahrer hatte erst kürzlich seinen Führerschein gemacht. Im Wagen saßen Juri und Andrzej aus Polen, die in Deutschland versuchten, Geld für den Lebensunterhalt ihrer vielköpfigen Familien zu verdienen. Beide streng gläubige Katholiken, mit dem Herzen auf dem rechten Fleck. Da es unglaublich schwierig ist, an Geld zu kommen, hatten sie diesen nicht ganz sauberen Job angenommen: arglosen Mitmenschen gegen Barzahlung der ersten Rate einen superschnellen, aber nur in der Fantasie existierenden Glasfaserkabelinternetanschluss andrehen (für den Hilke sehr empfänglich gewesen wäre). Zum Ausgleich beteten die beiden viel und sprachen sich gegenseitig Mut zu. Bekommen hatten sie die Arbeit, weil sie entgegen ihres Charakters ein bisschen schmierig und gefährlich aussahen. Juri mit Pornobalken über den dicken Lippen und zurückgegelten Haaren, Andrzej aufgrund einer seltenen Augenkrankheit stets mit verspiegelter Sonnenbrille, tiefen Aknenarben aus seiner Jugendzeit und einer schwarzen Lederjacke, die sein verstorbener Bruder ihm vermacht hatte. Nostalgiker, alle beide. Während sie noch im Wagen saßen, sagte Andrzej:
„Wieso haben sie uns ausgerechnet einen dunklen Lieferwagen gegeben? In Krimis haben die Schufte immer solche Autos. Was Weißes wäre viel besser gewesen.“
In dem Moment klingelte Juris Handy. Der allmittägliche Anruf seines dreijährigen Söhnchens Lukasz vorm Schlafengehen. Der Kleine sang seinem Papa was vor, während dem treusorgenden Vater in der Ferne dicke Tränen in den salzwassergetränkten Schnauzbart tropften und Andrzej ergriffen seine Hand drückte. Nun, als die rührende Szene vorbei war, studierten die beiden ihre Adressliste. Hilke Baumann.
Es war Kismet. All ihre Sorgen waren verpufft.
Nachdem Hilke die Tasche in der Spülmaschine verstaut hatte, schlenderte sie die paar Stufen von ihrer Hochparterre-Wohnung in Hochstimmung zur Haustür. Ihr waren soeben zwei Millionen Euro vor die Tür gestellt worden. Die Haustür war geschlossen gewesen. Niemand im Haus wusste etwas. In ihrem Kopf war es dann ganz schnell gegangen: Sie war jetzt die rechtmäßige Besitzerin des Geldes. Es war Kismet. All ihre Sorgen waren verpufft. Und diese großartige Neuigkeit wollte sie nun mit Tom teilen. Der Typ ist sexy, keine Frage – aber meiner Meinung nach eine völlig hohle Fritte. Doch wen interessiert schon meine Meinung …
Als Hilke die Haustür öffnete, standen dort zwei Typen. Zwielichtige Gestalten in dunklen Klamotten. Verspiegelte Sonnenbrille, Lederjacke, Gelhaare – Ganoven! Der größere sagte mit rollendem R:
„Suche Frau, äh…“ schaute auf einen zerknitterten Zettel in seiner unglaublich großen Hand und vollendete den Satz mehr schlecht als recht „…Ilke Baumann. Kennen?“
Hilke schaute ihn an, als stünde sie in einem Feuerkreis, während es Geldscheine regnet. Verdammt, so schnell hatten sie herausgefunden, wer das Geld hatte?
„Nein, bin nur zu Besuch hier!“, sagte sie sehr kurz angebunden, während der Muskel unter ihren Rippen einen wilden afrikanischen Tanz vollführte. Sie sah so verschreckt aus, dass Juri Mitleid bekam und die Hand ausstreckte, um ihr, die seiner lang nicht gesehenen Schwester Ilonka in jungen Jahren so sehr ähnelte, den Arm zu tätscheln. Hilke schrie auf.
„Bitte tun Sie mir nichts!“
Juri schreckte zurück, während sich die junge Frau zwischen den beiden hindurchdrängte und schnell, aber sehr steif davonlief, als hätte die Natur ihre Knie ausgespart. An der nächsten Ecke drehte sie sich extrem auffällig um – sie konnte nicht anders, denn sie war emotional ferngesteuert – und sah die beiden Ganoven (was sollten sie anderes ein?) in einen schwarzen Lieferwagen einsteigen. Genauso wie sie es aus Krimis kannte. Die restlichen 150 Meter zum Café rannte sie schneller, als sie es je bei den Bundesjugendspielen vermocht hätte. Tom saß bereits an ihrem Stammplatz und starrte mit sinnentleerten Augen auf sein Smartphone, während sie hechelnd und immer wieder mit den Augen den Außen- und Innenraum sowie Gäste und Passanten abtastend wie eine lauernde Katze auf ihn zu schlich.
Als sie zufällig aus dem Fenster schaute, sah sie einen dunklen Lieferwagen vorbeifahren.
Das Gespräch zwischen Hilke und Tom war ziemlich einseitig und uninformativ, wie ihr bereits wisst. Dass die beiden vermeintlichen Ganoven, die offensichtlich auf der Suche nach dem Geld waren und Hilke bereits ins Visier genommen hatten, lediglich zwei vollkommen harmlose Kleinkriminelle waren, wusste sie nicht. Und hier beginnt der ganze Irrsinn …
Nachdem der Lieferwagen – seltsamerweise ohne quietschende Reifen – verschwunden war, kehrte Hilke in ihre Wohnung zurück. Dabei drehte sie sich auf den 500 zurückzulegenden Metern etwa 100 Mal um die eigene Achse. Die Passanten begannen schon, über sie zu sprechen. Zuhause angelangt, versuchte sie die Haustür mit dem Schlüssel ihrer Eltern, dem Kellerschlüssel, dem Fahrrad- und dem Briefkastenschlüssel zu öffnen, bevor ihre zitternden Hände endlich das richtige Öffnungswerkzeug am Schlüsselanhänger „Süße Maus“ gefunden hatten.
Wie sie es aus dem Tatort kannte, machte sie kein Licht, sondern schlich mehr oder weniger lautlos in die Küche (wenn man davon absieht, dass sie geräuschvoll über ihre Puschen direkt auf Omis gedrechselten Stuhl fiel, der knallend zu Boden ging und Nachbar Detlef aus einer Yoga-Yaga-Vaga-Übung riss). Endlich angekommen, zog sie die verhängnisvolle Tasche aus der Spülmaschine und drückte sie sich innig ans Herz.
„Ich geb dich nie mehr her!“ wisperte sie in Gollum-Manier und entsann einen Plan. Noch in der Nacht rechnete sie aus, wieviel Geld auf ihrem Konto sein musste, um sämtliche Daueraufträge für ein Jahr zu decken. Strom und Wasser hatte man ihr eh schon abgestellt – umso besser, denn Hilke würde die Stadt verlassen. Mit der Tasche. Am nächsten Morgen war sie die erste Kundin in der Sparkasse und zahlte das notwendige Geld fürs Jahr in bar ein. Der Bankangestellte sah sie zweifelnd an, während er die Echtheit der Scheine prüfte. Hilke war peinlich berührt.
„Ja, ich hab Geld von meinem Opa bekommen, sie wissen ja, wie die alten Leute sind …“
Währenddessen war der 26-jährige Student Lutz nur wenige Kilometer entfernt in seinem jüngst erworbenen dunklen Lieferwagen unterwegs zu seinem Opa Herbert, der ihm das Geld dafür überlassen hatte. Endlich könnte Lutz ganz flexibel Europa bereisen – ein Traum, den Opa Herbert bestens nachvollziehen konnte. Sobald Lutz den Wagen ausgebaut haben würde, sollte es losgehen. Aber vorher würden Großvater und Enkel gemeinsam den Kauf begießen. Mit einer guten Flasche Piesporter Goldkehlchen, beste Mosellage, die der alte Herr extra aus dem Keller heraufgeholt hat. Die entscheidende Information aber, die ich euch geben muss, ist: Opa Herbert wohnt in derselben Straße wie Hilke. Er in Nummer 38, sie im Eckhaus mit der Nummer 17. Während Lutz sich also der Straße näherte, kehrte Hilke aus der Bank zurück und packte das Geld in eine Plastiktüte, die sie sorgfältig zusammen mit den notwendigsten Habseligkeiten in ihren Wanderrucksack stopfte. Als sie zufällig aus dem Fenster schaute, sah sie einen dunklen Lieferwagen vorbeifahren.
„Oh Gott!“ Es war also schon zu spät für eine zivilisierte Flucht. Sie würde aus dem Fenster springen müssen.
Lutz hatte bereits während der Hinfahrt bemerkt, dass der klapprige Lieferwagen immer wieder hustete und stotterte. Just als er in Opa Herberts Straße einbog, verabschiedete sich der Motor, und Lutz schaffte es gerade noch auf den Parkstreifen zu rollen. Vor der Nummer 17 hauchte das Vehikel sein Leben aus, und Lutz machte sich zu Fuß auf die letzten Meter zum Ziel.
Die gedungenen Mörder waren also schon auf dem Weg in ihre Wohnung.
Zur selben Zeit zog Hilke in aller Hast ihre rosa Lieblingsjacke mit blauen Punkten über, schulterte den Rucksack und öffnete das Fenster. Vor ihrem inneren Auge sprang Wonderwoman anmutig wie eine Gazelle von einer Klippe. Vor den Augen der Nachbarin von gegenüber fiel Hilke wie ein schwerer, nasser Sack von der Fensterbank und kam ziemlich unglücklich auf. Sie humpelte vorsichtig zur Hausecke und spinxte um die Ecke in ihre Straße. Der Lieferwagen hatte inzwischen vor ihrem Haus geparkt, kein Mensch war zu sehen. Die gedungenen Mörder waren also schon auf dem Weg in ihre Wohnung. Was blieb? Die Flucht durch die Gärten der Nachbarschaft …
Als sie ein abgelegenes Gartenhäuschen gefunden hatte, pausierte sie, um nachzudenken. Sie hatte genügend Thriller gelesen, um zu wissen, dass sie ihr Handy loswerden musste. Bloß nicht nachverfolgbar sein! Außerdem wussten die Schweine, wie sie aussah. Sie musste sich verändern. Im Gartenhaus fand sie eine rostige Schere, mit der sie beherzt ihr langes Haar abschnitt. Prinz-Eisenherz-Pottschnitt mit schrägem Pony. Mit etwas gutem Willen würde das als eigenwillig-modern durchgehen. Sie setzte ihre Sonnenbrille auf und machte sich auf den Weg zu C&A. Dort würde sie sich ein paar neue Klamotten, Hüte, Brillen, Schals und eine unauffällige Jacke anschaffen, um dann bis auf weiteres zu verschwinden. Doch zuvor zerschnitt sie mit der Rosenschere ihre SIM-Karte, die sie gemeinsam mit dem Handy in einen Mülleimer am Wegesrand warf. Sie hatte zum Glück immer noch ihr analoges Adressbüchlein mit van-Gogh-Design, das sie mit in den Rucksack getan hatte. Tom würde sie eine Mail schicken von irgendeinem Internetcafé aus. Geld hatte sie ja zum Glück im Übermaß, sie würde also keinen Bankautomaten aufsuchen müssen. Nur wie kam sie weg, ohne irgendwelche Tickets zu buchen? Sie wusste schließlich nicht, wie gut diese Kriminellen organisiert waren. Und wo sollte sie hin? Als sie C&A verlassen hatte und auf dem Weg über die Wirtschaftswege Richtung Autobahn war, kam ihr die Idee! Sie würde versuchen, die französische Kommune zu erreichen, in der sie nach dem Abi ein paar Monate verbracht hatte. Nahe einer kleinen südfranzösischen Gemeinde am Arsch der Welt würde man sie nicht finden. Hinkommen müsste sie per Anhalter. Die Idee war genial. Acht Stunden später hatte sie die ersten 320 Kilometer bis Karlsruhe geschafft.
Es war dunkel und Hilke hundemüde. Sie war an einer Autobahnraststätte gestrandet, wo sie Pommes und Kaffee zu sich nahm, dann das Papierset vom Tablett nahm und „France“ auf die Rückseite schrieb. Nachdem sie 10,40 Euro bezahlt hatte, was ihr an diesem Tag – ganz anders als in sämtlichen vorangegangenen Jahren ihres Erwachsenenlebens – kein bisschen weh tat, suchte sie den Parkplatz nach französischen Nummernschildern ab. Im selben Moment fuhr langsam ein dunkler Transporter auf den Parkplatz. Hilke machte einen Hechtsprung ins Gebüsch, ein Schwarm Vögel stob aus dem Unterholz auf und ihre Hand glitschte auf etwas aus. Der Lieferwagen kam direkt neben ihr zum Stehen und heraus blickte eine junge Frau mit Dreadlocks.
„Alles okay bei Ihnen?“ Hilke hyperventilierte sich aus dem Grünstreifen heraus und japste.
„Nein, nein, alles gut.“
„Entspann dich“, versuchte sie sich selbst zu beruhigen, während sie auf die Toilette zusteuerte, um die Fäkalien von ihrer Hand zu waschen, in denen sie sich abgestützt hatte. Als sie wieder heraustrat, kamen ihr drei Frauen entgegen.
Ihr Französisch war etwas eingerostet, aber das würde schon wieder werden.
„Können wir disch mitnehmen? Wir aben dein Schild gese’en. Du möschtest nach France?“
„Ja, fantastisch, wohin fahrt ihr denn genau?“
„Lyon“, lautete die Antwort. Jetzt lief es wie am Schnürchen. Lyon – von da war es nicht mehr weit. Sie stieg hinten in den altersschwachen Renault der lustigen Damen ein und sank alsbald in einen tiefen Schlaf, den Rucksack fest im Arm. Es dämmerte, als Hilke am Busbahnhof von Lyon aus dem Wagen der hilfsbereiten Französinnen ausstieg. Der nächste Bus nach Montpellier fuhr um 9.40 Uhr. Hilke kaufte ein Ticket. Ihr Französisch war etwas eingerostet, aber das würde schon wieder werden. In der „Bar du Terminal“ orderte sie einen Café Crème und versuchte sich wieder ein bisschen „einzuhören“. Hatte sie das richtig verstanden? Unterhielten sich die drei alten Männer am Nachbartisch über einen Raub in Deutschland?
„Un vol en Allemagne?“ Am Flughafen? Ach so, nein, die Schwiegertochter des einen hatte einen Flug nach Deutschland gebucht. Un vol vers l’Allemagne. Nur nicht durchdrehen. Jetzt schaute einer von ihnen rüber. Sie schaute weg. Nur nicht auffallen. Ganz ehrlich – wieso sie meinte, diese alten Recken könnten ihr was wollen, ist mir schleierhaft. Jedenfalls ging sie zur Toilette, um sich in Ruhe zu vergewissern, dass ihr Geld noch in der Tüte war. Als sie zurückkam, starrten sie die drei alten Herren unverhohlen an.
„Êtes-vous cette actrice canadienne?“, fragte sie der offensichtliche Wortführer, dessen Haut wie ihre alte Ledertasche vom Flohmarkt aussah. Hilke war der einzige andere Gast im Lokal.
„Moi?“ Nein, sie war keine Schauspielerin – hahaha. Obwohl… Irgendwie schon. Aber jedenfalls keine kanadische. Beim Bezahlen gönnte sie sich noch eine Packung Gauloises, obwohl sie nicht rauchte, es aber für ratsam hielt, so französisch wie möglich zu erscheinen. Unauffällig zu sein. Als sie in den Bus einstieg, übersah sie die vierte Stufe, die es zu überwinden galt, und schlug mit lautem Getöse in den Gang. Die Gespräche der bereits auf ihren Sitzen befindlichen Mitreisenden verstummten, sodann sprang ungefähr die Hälfte von ihnen auf, um ihr zu helfen. Ohlala! Jetzt hatte sie jeder im Bus gesehen – mehr noch: Dass sie keine Französin war, hatten sie an ihrem Gestotter sicher bemerkt.
„Äh. Merci. Äh. Pardon. Äh.“ Da halfen auch keine gallischen Zigaretten.
Die viereinhalb Stunden bis Montpellier hatte sie unbewegt wie ein Kaninchen im Scheinwerferlicht auf ihrem Platz verbracht. Als sie den Bus verließ, war ihr Entschluss gereift, die letzte Etappe besser wieder per Anhalter hinter sich zu bringen. Zu viele Menschen waren ihr unheimlich. Da hatten die potenziellen Verfolger zu viele Optionen, in der Menge unterzutauchen und unbemerkt zu bleiben. Am Busbahnhof in Montpellier wechselte sie das Outfit, setzte eine andere Brille auf und eine Mütze. Außerdem kaufte sie im nahegelegenen Kaufhaus „Le Bon Marché“ eine ganze Palette an Haarfarben. Ihr meint, sie habe übertrieben? Möglicherweise. Vom Busbahnhof aus folgte sie zu Fuß den Schildern Richtung Autobahn. Als sie einen Zubringer erreicht hatte, stellte sie sich mit einem Schild „Millau“ an den Straßenrand. Keine 5 Minuten später hielt ein roter Bulli mit deutschem Nummernschild. Argwöhnisch lugte Hilke hinein. Eine orange gekleidete Frau mittleren Alters rief:
„Millau, oui!“
„Sind Sie allein?“, entgegnete Hilke. Die Frau war erstaunt.
„Ja. Toll, dass du deutsch sprichst, mein Französisch ist miserabel.“ Tatsächlich sah der Bulli ziemlich leer aus, und Hilke kletterte auf den Beifahrersitz.
„Ich bin Lakschmi“, sagte die Orange. „Und du?“
„Ich heiße Nina“, sagte Hilke. Bloß nichts über ihre Identität preisgeben. Besser zur Offensive übergehen, bevor sie ausgefragt wurde. Eine gute Taktik, denn Lakschmi war ausgesprochen auskunftsfreudig.
„Und was willst du in Millau, Lakschmi?“ Es stellte sich heraus, dass die hilfsbereite Bullibesitzerin auf dem Weg zu einem Ashram auf dem Larzac, dem sich neben Millau erhebenden Berg, unterwegs war. Das traf sich! Die Kommune lag ebenfalls auf dem Larzac. Lakschmi war eine Sannyasin, eine Anhängerin des Gurus Bhagwan. Hilke lächelte und nickte hin und wieder. Lakschmi war so nett, am Bahnhof von Millau kurz anzuhalten. Hilke suchte sich eine ruhige Ecke, nahm einiges Bargeld aus der Plastiktüte, verstaute es in ihrem Portemonnaie und deponierte die Tüte dann in einem Schließfach, das für 48 Stunden 2 Euro kostete. Fast 2 Millionen Euro mit in die Kommune zu nehmen, wo in Gemeinschaftssälen, Zelten oder Hängematten geschlafen wurde, war ihr zu heikel.
In einer Kommune herrschte doch sicher eine ziemliche Fluktuation?!
Lakschmi setzte Hilke etwa 20 Minuten später auf der Hauptstraße des Hochplateaus auf dem Larzac ab und Hilke ging die letzten Kilometer zu Fuß. Sie erreichte die Kommune rechtzeitig zum Abendessen. Der junge Typ an der Rezeption sagte ihr, es sein kein Problem, sie eine Weile aufzunehmen. Sie hoffte, dass niemand von damals mehr hier war. In einer Kommune herrschte doch sicher eine ziemliche Fluktuation?! Nachdem sie ihr Bett im Schlafsaal zugewiesen bekommen hatte, fand sie sich im Essraum ein. Der greise Kommunenanführer Hervé, von dem Hilke angenommen hatte, er hätte längst das Zeitliche gesegnet, erkannte sie sofort, obwohl 15 Jahre ins Land gegangen waren. Er begrüßte sie vor einem kleinen Kreis Umstehender enthusiastisch:
„Ilk! Was für eine schöne Pläsier, dass du wieder bei uns bist!“
Sie tauschten Küsschen, wie man es in Frankreich macht. Dabei flüsterte sie ihm ins Ohr:
„Hervé, ich heiße nicht mehr Hilke, ich bin jetzt Lakschmi.“
Ein anderer Name fiel ihr auf die Schnelle nicht ein.
„Ah bon!“, er lächelte verständnisvoll. „Du bist jetzt also eine Sannyasin?“
„Wie bitte?“
„Bhagwan, Osho?!“
„Bhagwan, Sannyasin? Ach so, ja, jajaja, klar.“ Das kam ihr gerade recht – eine Sekte! Das Problem an der Sache war nur, dass Hervé vor dem gemeinsamen Abendessen verkündete, wie sehr er sich über Ilks Rückkehr freute, die jetzt als Sannyasin Lakschmi hieß, was wiederum dazu führte, dass die Kommunenmitglieder nach dem Essen begannen, sie auszufragen darüber, wie es war eine Sannyasin zu sein, warum sie nicht in Orange gekleidet sei und vieles mehr. Hilke kam in arge Bedrängnis – sie wusste nicht einmal, ob der Guru noch lebte oder nicht – hätte sie mal besser aufgepasst statt jetzt nach Ausreden zu suchen. Sie versuchte also, das Ganze mit einem von Weisheit erleuchteten Gesichtsausdruck wegzulächeln und verabschiedete sich bald mit dem Hinweis, es sei Zeit für ihre Meditation.
Während Hilke sich von einer namenlosen Tramperin in eine Nina und dann eine Lakschmi verwandelte, rätselten daheim Tom und Britta über ihren Verbleib und ihr merkwürdiges Verhalten vor ihrem Verschwinden.
Hilke war tatsächlich angekommen. Sie machte noch einen kleinen Spaziergang über das Gelände. Da wurde ihr plötzlich schlagartig klar, dass sie sich bei Tom melden musste, bevor er zur Polizei ging und man anfing, sie zu suchen. Schlimm genug, dass diese Ganoven hinter ihr her waren. Die Kommune hatte sich in den letzten 15 Jahren ziemlich gemausert: Es gab einen Computer, den jeder nutzen durfte, aber man musste sich basisdemokratisch abstimmen, wann … Der nächste Termin war in 20 Minuten. Sie war nervös. Vielleicht sollte sie tatsächlich mit dem Meditieren anfangen. Als sie endlich am Computer saß, vergewisserte sie sich zunächst, dass der Bildschirm von nirgendwo einsehbar war. Dann suchte sie nach hack.chat, einem absolut sicheren Mail-Dienst, von dem im letzten Tatort die Rede gewesen war. Gab es den wirklich? Tatsächlich! Sie legte sich eine Adresse zu und schrieb:
„Hallo Tom, mach dir keine Sorgen, mir war nach einem Tapetenwechsel, ich komme bald wieder. Bitte lass alle wissen, dass ich wohlauf bin und schreib mir nur noch an diese Adresse. Mein Handy hat den Geist aufgegeben😉 – Küsschen, Hilke“
So, das war erstmal erledigt. In Kürze würde sie sich aus der Ferne von ihrem hübschen, aber nicht sehr schlauen Freund trennen. Wenn sie etwas brauchte, dann wäre es ein Komplize, nicht ein Dämlack wie Tom. In dieser Nacht schlief sie wie ein Stein – nicht wie ein unbeweglicher Felsen, sondern wie ein Flusskiesel, den man übers Wasser hüpfen lässt. Sie wälzte sich mal hierhin, mal dorthin und gab gurgelnde Geräusche von sich, mit denen sie mal wieder viel Aufmerksamkeit auf sich zog.
Was war in den Kartons gewesen? Eine Nachricht für Sie? Toms Kopf?
Am nächsten Tag wurde Hilke „Ilk“ alias Lakschmi für die Küchenarbeit eingeteilt bis zur basisdemokratischen Réunion drei Tage später, bei der wöchentlich die Aufgaben verteilt wurden. Der Koch, Jean-Yves, war ein mürrischer, schweigsamer Typ, mit dem sie bestens auskam. Je weniger geredet wurde, desto besser. Ebenfalls in die Essenszubereitung involviert war die schüchterne Schottin Mary, deren Englisch Hilke ebenso wenig verstand wie deren Französisch, weshalb hier die Kommunikation auf non-verbale Mittel beschränkt blieb. In der Mittagspause döste Hilke unter einer großen Platane. Da kam der Rezeptionstyp, Yvan, zu ihr herübergeschlendert.
„Sex?“, fragte er.
„Was?“ entgegnete sie empört.
„War ja nur eine Frage – wir sind hier schließlich eine Kommune. Ich dachte, du hast vielleicht auch Lust.“
„Ach nö, grad nicht. Sorry.“ Sie erinnerte sich. Damals mit 19 hatte sie das alles sehr spannend gefunden. Jetzt gerade hatte sie wirklich andere Sorgen als diesen Lustmolch, der sich mit über seinem Gemächt gespannter Hose trollte. „Bleah, igitt – jeder mit jedem, was hat mich damals geritten?“, dachte Hilke. Meiner Meinung nach wäre die Frage etwas anders zu stellen. Aber was macht das schon.
Kurze Zeit später sah sie einen dunklen Lieferwagen auf das Gelände rollen und sprang auf. Aus der Ferne sah sie zwei dunkel gekleidete Kerle Richtung Kücheneingang gehen. Sie trugen irgendwelche Pakete. Wenige Minuten später kehrten sie zum Lieferwagen zurück und brausten davon. Was war in den Kartons gewesen? Eine Nachricht für Sie? Toms Kopf? Eine tote Katze und eine Grußkarte: „Wir wollen das Geld, sonst bist du bald so tot wie dieses Tier“? Hilke wurde heiß und kalt. So mussten sich die Wechseljahre anfühlen, aber jetzt war es nur ein Wechselbad der Gefühle. Panik, Neugier, Schrecken, Fluchtgedanken, Hoffnung. Sie bemühte sich, beiläufig zur Küche zu gehen, dabei schwankte sie, als hätte sie zu viel Pastis unter der französischen Sonne getrunken. Jean-Yves war ungerührt damit beschäftigt, eine Palette glückliche Bio-Eier in eine Schüssel zu schlagen und schenkte ihr keinerlei Beachtung.
„Salut“, sagte sie. Er brummte. „Ist was für mich abgegeben worden?“
„Klar“, entgegnete er. Sie erschauderte. „Ein Haufen Arbeit, also – vite! Kartoffeln schälen!“
„Was haben die beiden Typen gewollt?“, fragte sie so beiläufig, als wären gerade Freddy Krueger und Travis Bickle durch die Küche gelatscht. Jean-Yves warf ihr einen schrägen Blick zu.
„Welche Typen?“
„Na, die beiden mit den großen Paketen“.
„Jacques und Rémy aus Roquefort mit der Käselieferung waren die letzten Typen, die ich hier gesehen habe – die sind vor 10 Minuten wieder in ihren Lieferwagen gestiegen und abgefahren. Meinst du die? Hast du dich verliebt? Soll ich den Kontakt herstellen oder was?“
Jean-Yves hatte mehrere Sätze am Stück gesprochen, das ging ihm gegen den Strich. Er warf ihr einen Sparschäler zu und machte eine unwirsche Handbewegung Richtung Kartoffeln. Er hatte sicher noch nie jemanden gesehen, der sich so heiter den Erdäpfeln widmete wie Hilke an diesem Tag. Zudem hatte sie bei ihrem letzten Ausflug nach Millau eine Postkarte gekauft – wie in jeder verschlafenen französischen Kleinstadt hatte sie eine Sarah-Kay-Postkarte aus den 70ern ergattert, die man absolut keiner Provenienz zuordnen konnte. Sie schrieb an ihre Eltern.
„Liebe Mami, lieber Papi, ich habe mich auf eine Reise begeben, zurzeit läuft ja eh nicht viel. Mir geht’s gut, ich melde mich wieder. LG Hilke“, adressiert an die Anschrift ihrer Eltern in Germany. Als Mary drei Tage später nach Schottland zurückkehrte, drückte sie ihr die Karte und einen 5-Euro-Schein in die Hand mit der Bitte, die Karte von Edinburgh aus abzuschicken. Falsche Fährten legen! „A joke!“, erläuterte Hilke. Mary nickte, lächelte – und verschwand aus dieser Geschichte.
Olaf. Er sprach kaum und verhielt sich merkwürdig.
Etwa zehn Tage nach Hilkes Ankunft in der Kommune tauchte Olaf auf. Olaf. Er sprach kaum und verhielt sich merkwürdig. Was in der Kommune niemand wusste: Olaf war Biologe. Sein Fachgebiet waren seltene Bergblumen. Er war einer Spezies auf der Spur, die es angeblich nur auf dem Larzac gab. Da er seit Jahren erfolglos forschte und sein Budget äußerst begrenzt war, hatte er eine günstige Möglichkeit zur Übernachtung gesucht. Ich meine, ist doch klar, dass so jemand im Laufe der Zeit sonderbar wird. Da er sich zwar an den täglichen Arbeiten beteiligte, aber ansonsten nichts über sich preisgab, beäugte Hilke ihn misstrauisch und achtete stets darauf, nicht mit ihm allein zu sein. Alle zwei Tage ließ sie sich von irgendwem nach Millau mitnehmen, um die 2 Euro ins Schließfach zu werfen. An Tag 12 ihres Aufenthalts war es wieder so weit. Da niemand nach Millau musste, machte sie sich auf den Weg zur Hauptstraße, um per Anhalter zu fahren. Sie nahm einen kleinen Pfad, der sich durch die Felsenlandschaft schlängelte. Plötzlich stand sie Olaf gegenüber, der ein Sträußchen Blumen in der Hand hielt. Sie erstarrte. Er ebenfalls. Dann schaute er auf die Blumen und sagte:
„Les belles mortelles. Haben eine lange Tradition als Grabblumen.“
Dann warf er ihr einen rätselhaften Blick zu. Hilke beeilte sich an die Straße zu kommen. Was wollte er ihr sagen? Die schönen Sterblichen? War das eine Warnung? Sie konnte ja nicht ahnen, dass dies der botanische Name der seltenen Blume war. Hilke dachte über ihre Flucht nach, Olaf wollte ihr ans Leder, sie ins Grab befördern, das war ihr jetzt ganz klar. Natürlich erst, wenn er ihr ihren Fast-2-Millionen-Schatz abgenommen hätte. Sie würde in den Schlafsaal schleichen und sich dann mit ihrem Rucksack davonmachen. Sie wusste von einem Gehöft, das Ziegenkäse produzierte. Dort wollte sie unter neuer Identität Arbeit finden.
Es gelang. Hilke war mit ihren Sachen auf dem Weg zur „Fromagerie Pasteur“, 20 Kilometer von der Kommune entfernt. Sie hatte sich die Haare an einem Bach platinblond gefärbt (so eine Umweltsauerei, das hätte sie in ihrem vorigen Leben niemals getan, aber jetzt ging es eben um mehr, es ging ums ÜBERleben!) und war nun mit neuer Identität unterwegs. Als Nora heuerte sie an und bekam eine Kammer zugeteilt. Nachdem sie sich häuslich eingerichtet hatte, indem sie ihren Rucksack unter den Schrank geschoben hatte, trat sie aus dem Zimmer. Zeitgleich öffnete sich die Tür neben ihrer. Heraus kam: Lakschmi! Verdammt!
„Nina! Tolle Haarfarbe!“
„Was machst du denn hier?“, stotterte Hilke.
„Na, ich hab mich hier für ein paar Tage eingemietet. Im Ashram war’s so trubelig.“
Von unten rief die Chefin herauf:
„Nora, du kannst jetzt mit der Arbeit beginnen!“
Lakschmi schaute fragend.
„Wer ist denn Nora?“
Hilke fragte sich, wie sie aus der Situation wieder herauskommen sollte.
„Äh, ja,“, sie wurde rot, räusperte sich, verschluckte sich, hustete, „das bin ich.“
„Du? Aber du bist doch Nina!“
„Jetzt nicht mehr, also du …“, sie hatte einen Geistesblitz, „du warst doch auch nicht immer Lakschmi, oder?!“
Lakschmi sah sie befremdet an.
„Bei uns Sannyasin nimmt man einen neuen Namen an, wenn man der Gemeinschaft beitritt. Und welcher Gemeinschaft bist du beigetreten?“
Hilke war drauf und dran, die Kommune als Grund für die Namensänderung vorzuschieben, besann sich aber gerade rechtzeitig eines Besseren. Sie biss sich auf die Unterlippe, während Lakschmi erwartungsvoll dastand.
Sie hoffte einfach, Lakschmi würde die Klappe halten und ihr ihre hanebüchene Geschichte abkaufen.
„Aaaalso … also ich hatte diese Namensänderung beim Amt vor längerer Zeit beantragt und habe gestern erfahren, dass der Antrag durch ist.“
„Ach, ich dachte, das geht nur in Ausnahmefällen“, argwöhnte Lakschmi. Wieso war die Orange denn jetzt so nervig, wo sie doch sonst nichts als Peace im Hirn hatte.
„Jaaaa … ach, es gab viel Gewalt bei mir zuhause. Traurige Geschichte, ich will jetzt gar nicht jammern oder so. Aber ich habe mit meinem Namen immer unschöne Erinnerungen verbunden. Musste ich alles auf dem Amt aufrollen, war schwer. Hm. Also: Ab jetzt bin ich Nora.“ Sie versuchte, ihren Worten Nachdruck zu verleihen.
„Lakschmi, bitte respektiere das, es ist echt wichtig für mich, mich von meinen Traumata und meinem belasteten Namen zu trennen. Ich BIN JETZT NORA.“
Lakschmi sah betroffen drein. Hatte sie sie überzeugt? Hilkes Gedanken verhedderten sich, und sie fürchtete, dass ihr bald die Ausreden ausgehen würden. Zum Glück sagte Lakschmi nur bedeutungsschwer:
„Alles klar. Ich werde für dich chanten.“ Hilke, die nun Nora hieß, beeilte sich dem Ruf der Chefin zu folgen und fragte sich, was genau Lakschmi zum Chanten bewog: dass sie eine arme Traumatisierte war oder eine himmelschreiende Lügnerin. Sie hoffte einfach, Lakschmi würde die Klappe halten und ihr ihre hanebüchene Geschichte abkaufen.
Bereits am nächsten Tag, während Hilke ins Ziegenmelken eingeführt wurde, kam es zu einem Zwischenfall. Als sie gerade den Stall verließ, kam ihr der notgeile Yvan entgegen.
„Eh, salut …“ – weiter kam er nicht, denn Hilke drehte sich auf dem Absatz um und rannte zu ihrer Kammer, wo sie sich einschloss und vom Fenster aus beobachtete, wie das Sexmonster sich mit ihrer neuen Chefin unterhielt, die hin und wieder verstohlen in ihre Richtung linste. Nachdem Yvan mit einer großen Kühltasche gegangen war, kam Hilke wieder heraus. Mist, sie war aufgeflogen. Sie musste nochmal wechseln. Die Chefin sagte:
„Da war gerade einer von den Kommunarden, die hier immer ihren Ziegenkäse kaufen, der fragte, seit wann denn Lakschmi hier ist. Ich hab gesagt, seit vier Tagen. Da meinte er, das sei unmöglich, sie sei bis gestern in der Kommune gewesen. Sehr seltsam.“
Die Haare wurden Apfelgrün. Ziemlich auffällig hier in der Provinz, aber es ließ sich jetzt nicht ändern.
Erwartungsgemäß erklärte Lakschmi später, sie kenne die Kommune nicht. Das Ganze war Hilke trotzdem zu heikel. Sie beschloss schleunigst wieder abzureisen. Trotz aller Befürchtungen fand sie eine plausible Ausrede: Ihr Vater sei krank, sie müsse nach Hause zurück, erklärte sie und machte sich mal wieder auf den Weg zum Bahnhof in Millau. Sie warf die 2 Euro ins Schließfach und färbte sich erneut die Haare, diesmal auf der Bahnhofstoilette. Sie sollten schwarz werden, aber offenbar war die chemische Veränderung von Platinblond zu Ebenholzschwarz keine gute Idee. Die Haare wurden Apfelgrün. Ziemlich auffällig hier in der Provinz, aber es ließ sich jetzt nicht ändern. Sie fragte ein bisschen herum und erfuhr, dass es auf dem Larzac, gut 50 Kilometer von der Kommune und ebenso weit von der Käserei entfernt einen Reiterhof gäbe. Derweil erzählte Yvan allen, die es wissen wollten (oder auch nicht), Lakschmi wäre jetzt blond und bei der Ziegenkäserei beschäftigt. Die ganze Gegend sprach über die seltsame Ausländerin, die offenbar Identitätsprobleme hatte.
Bevor sie zum Reiterhof aufbrach, bestellte sich Hilke am zentralen Platz von Millau einen Kaffee und suchte die Toilette der „Bar de la Place“ auf. Als sie zurückkehrte, sah sie zwei Männer draußen sitzen. Mit dem Rücken zu ihr. Gegeltes Haar, Lederjacke. Spontan setzten die Wechseljahre ein. Heiß, kalt, heiß, kalt. Bevor sie flüchten konnte, stand der Lederjackenmann auf und drehte sich zu ihr um. Er war eine Frau. Typ Monica Bellucci mit öliger Kurzhaarfrisur. Das war alles zu viel. Hilke wurde ohnmächtig, ging mitsamt Kaffeehausstuhl zu Boden und wachte kurz darauf neben der Theke auf. Sie war fertig mit den Nerven. Fertig mit den Nerven, aber reich. Also gönnte sie sich ein Taxi zum Pferdeparadies, das nun ihr neues Zuhause werden sollte.
Mit grünen Haaren und dem neuen Namen Lola checkte sie im Reiterhof der lebhaften Isabelle ein. Arbeit gab es zurzeit keine, aber sie könne sich gern als Gast einmieten. Ein bisschen Abstand und Erholung würden ihr guttun. Auf die Frage nach ihrem Personalausweis, die ihr nun erstmals gestellt wurde, täuschte sie vor, ihn grad nicht zu finden, aber eine Anzahlung sei kein Problem. Mittlerweile war sie ein Ausreden-Profi. Hilke fand nach ein paar Tagen mit den Pferden Gefallen am Landleben in Frankreich. Ihr Französisch war inzwischen so gut, dass man kaum noch merkte, dass sie keine Einheimische war. Sie fragte sich, ob sie nicht einfach für immer in „douce France“ untertauchen sollte. Etwa drei Wochen später musste sie ihr gemütliches Domizil wieder verlassen, es kam eine Gruppe an, Isabelle hatte keinen Platz mehr für Hilke. Sie fand eine Mitfahrgelegenheit nach Millau. Am Bahnhof stellte sie mit Schrecken fest, dass sie seit mehreren Wochen kein Geld mehr ins Schließfach geworfen hatte. Die Digitalanzeige forderte jetzt über 300 Euro. So viel hatte sie nicht mehr. Ihr Geld war im Schließfach. Aber für einen Kaffee reichte es noch. Sie setzte sich in die Bahnhofsbar und starrte auf den laufenden Fernseher. Sie war in Gedanken versunken, als ihr plötzlich bewusste wurde, dass Tom auf der Bildfläche flimmerte.
„Damit hätte ich niemals gerechnet“, sagte er gerade. Dann erschien Hilkes Konterfei auf dem Bildschirm.
„Gesucht wird diese Frau, die dringend verdächtigt wird, ihrem 94-jährigen Nachbarn Erich Mertens, der tot in seiner Wohnung gefunden wurde, 2 Millionen Euro entwendet zu haben. Das Geld hatte der Rentner kurz vor seinem Tod vom Konto abgehoben.“
Wieso hatte sie trotz ihrer grünen Haare und der großen Sonnenbrille das Gefühl, alle Blicke seien auf sie gerichtet?
Soweit ich weiß, hat Hilke noch am selben Tag die 300 Euro für das Schließfach zusammengebettelt („man hat mich bestohlen, ich brauche Geld für die Heimreise“) und ist untergetaucht. Unter welchem Namen und mit welcher Haarfarbe? Was weiß denn ich!
