Alle wichtigen Ereignisse in seinem Leben hatten an einem Donnerstag stattgefunden. Er war an einem Donnerstagnachmittag geboren, hatte an einem Donnerstag seinen Moped-Führerschein gemacht und kurz danach bei einem Unfall an einem Donnerstag seinen linken Arm verloren. An einem Donnerstag hatte er Margret, genannt Maggie, kennengelernt, und sie hatten natürlich an einem Donnerstag geheiratet, was wirklich ungewöhnlich war. Man heiratet schließlich nicht donnerstags. Aber so war es. An einem Donnerstag wurde ihre Tochter geboren, und vier Jahre später trug er Frau und Kind an einem Donnerstag zu Grabe. Auch das ungewöhnlich, aber wahr. Eine Beerdigung an einem Donnerstag, hatten die Leute getuschelt. Das war jetzt 30 Jahre her, und Heinz Wreszinski trauerte noch immer. Er war jetzt Anfang 60, in Altersteilzeit, und jeden ersten Donnerstag im Monat besuchte er den Ostpark, den Friedhof, wo seine geliebte Maggie und seine süße Fernanda die letzte Ruhe gefunden hatten. Unter einer gigantischen Linde waren die beiden Urnen versenkt worden. Und Heinz hatte sich während des Vorgangs und auch danach immer wieder gefragt, wie es sein konnte, dass die beiden Behältnisse gleich groß waren. Schließlich war Maggie eine stattliche, ziemlich mollige Schönheit gewesen. Und die kleine Fernanda mit den Streichholzärmchen und -beinchen schaffte es beim Versteckspiel auch mit vier noch, sich in den Wäschekorb zu quetschen.
Heinz seufzte tief und vernehmlich, als er an diesem Donnerstag auf dem kleinen Steinbänkchen unter der Linde Platz nahm. Etwa zehn Minuten saß er einfach so da, hielt sein Gesicht in die warm leuchtende Oktobersonne und ließ die Gedanken schweifen. Dann tauschte er, wie immer, die roten und weißen Rosen in der grünen Plastikvase gegen die vertrockneten vom letzten Besuch, und wie immer dachte er daran, wie die schwangere Maggie, bekennender ABBA-Fan, ihm mitgeteilt hatte, das Kind solle Fernando heißen. Falls es ein Mädchen würde Fernanda. ‚If I had to do the same again, I would, my Friend, Fernanda’, sang er leise, während er die Blumen zurecht drapierte. Über ihm ließ der Herbstwind die Blätter rascheln, und außer ihm war niemand zu sehen. Zumindest sah Heinz niemanden, auch nicht die Frau, die ihn aus einiger Entfernung beobachtete.
Kapitel 1 aus „Der einarmige Heinz“





