Schlagwort: Plogoff

  • Plogoff

    Plogoff

    „Kann ich Ihnen helfen?“

    Der Bademeister, schwarzhaarig, tätowiert, mittelgroß, athletisch, vielleicht 25-jährig, hat wohl bemerkt, dass ich seit gut zehn Minuten das Becken umkreise und mit steigender Ungeduld das Wasser absuche.

    „Ich suche meinen Freund.“ Sagt man in meinem Alter eigentlich noch ‚Freund‘? Nicht vielleicht eher ‚Lebensgefährte‘ oder sowas?

    „Wie sieht er denn aus?“ Tja, was soll ich sagen. Schwarzhaarig, tätowiert, mittelgroß …

    „So wie Sie.“ Meine schlechte Laune und dass ich wohl etwa doppelt so alt wie er sein mag, verhüten wahrscheinlich, dass er das als Anmache versteht. Wir schauen jetzt beide ratlos aufs Wasser. Es ist voller Bademeister-Kopien (oder Freund-Kopien), dazwischen hin und wieder eine kreischende Frau, die von einem der Tätowierten auf die Schultern genommen oder durch die Luft geworfen wird. Wie sind wir auf die blöde Idee verfallen, uns in diesem Freibad zu treffen? Man muss für die Schließfächer selbst ein Schloss mitbringen. Wusste ich nicht. Immerhin habe ich das Handtuch meines Freundes (oder Lebenspartners) und seine Tasche auf dem Rasen gefunden und mein Handtuch mit meiner Tasche danebengelegt. Jetzt stehe ich hier mit leuchtenden Fußnägeln und düsterer Laune, neben mir der Bademeister, der nur ‚hm‘ murmelt.

    „Danke, ich denke, das hat keinen Zweck“, sage ich miesepetrig und mache mich auf den Weg zu meinem Handtuch. Kaum habe ich mich hingesetzt, kommt mein schwarzhaariger, tätowierter Freund freudestrahlend, pitschnass und quietschfidel wie ein 10-Jähriger auf mich zugehüpft, lässt sich schwungvoll neben mir nieder und umarmt mich mit chlorwassernassen Armen. Ich rümpfe die Nase.

    „Da bist du ja endlich!“

    Wir sagen es gleichzeitig. Er enthusiastisch, ich vorwurfsvoll. Ich will am liebsten sofort wieder gehen. Auf keinen Fall will ich in das überfüllte Becken. Was ist bloß los mit mir?

    ***

    Als ich noch ein Kind war, konnte es nicht genug Freibadtage für mich geben. Je voller das Becken, umso toller. Es sei denn, es waren Ferien und ein Strand in erreichbarer Nähe. Das war noch besser. Um dorthin zu gelangen, packten meine Eltern den grünen Ford Taunus voll. Mein Vater hatte zwei Kisten gebaut, die genau den Fußraum füllten bis zur Kante der umgeklappten Sitze. Die Kisten wurden vollgepackt, dann der komplette Raum darüber, bedeckt von einer dünnen, eigens zugeschnittenen Schaumstoffmatratze, und obenauf lagen wir – meine Brüder und ich – in unseren Schlafsäcken. Sicherheitsgurte waren damals noch gänzlich unbekannt oder zumindest gänzlich ungenutzt. Mitten in der Nacht fuhren wir los – und natürlich schliefen wir die meiste Zeit nicht, sondern raubten unseren Eltern den letzten Nerv. Ich muss mal, wann sind wir da, mir ist schlecht … In einer Kühlbox waren Getränke – und vor allem etwas, das es nur auf dem Weg in den Urlaub gab: Erfrischungsstäbchen. Mit denen wurden wir ruhiggestellt, meist nur für kurze Zeit, aber immerhin. Bis heute sind diese zuckrig-schokoladigen Süßwaren für mich der Inbegriff des Urlausbeginns. Der Biss in die knusprige Schoko-Zuckerhülle, gefolgt von dem künstlichen Aroma des flüssigen Innenlebens – herrlich!

    Kamen wir endlich in einem Dorf in Frankreich an, sagen wir in der Provence oder der Bretagne, verließen wir Kinder das Ferienhaus – während sich die Eltern die Schläfen massierten und nach durchfahrener Nacht die Füße hochlegten – und kannten nach drei Stunden den Ort mit all seinen Geheimnissen und Offensichtlichkeiten. Wo waren Tiere, wo gab es etwas Verfallenes, wo konnte man ein Eis kaufen? Waren diese lebenswichtigen Fragen geklärt und das erste Eis gegessen, gingen meine Brüder mit dem Ball auf den Sportplatz, während ich heimkehrte und leise den Kühlschrank durchforstete nach etwas, was den Straßenkatzen schmecken könnte. Die Eltern hatten eingekauft, sich dann hingelegt und ahnten nicht, dass ich die Rinden von allen verfügbaren Käsesorten abschnitt und in kleine Stückchen teilte. Mit dieser Ausbeute rannte ich durchs mittägliche Dorf, wo die lavendelfarbenen Fensterläden geschlossen und kaum jemand in den Gassen unterwegs war. Traf ich auf eine Katze, wurde sie von mir mit Käserinde gefügig gemacht. Vor allem die lädierten Modelle standen hoch in meiner Gunst. Zerzaustes Fell und angenagte Ohren, Humpelpfoten und Einäugige gingen mir besonders ans Kinderherz. Auch ein Katzenbiss, der eine entzündete, stark geschwollene Hand und einen Besuch beim örtlichen Landarzt nach sich zog, konnte daran nichts ändern.

    In der Provence war es auch in den Osterferien schon heiß. In den Sommerferien erst recht. Das Meer war weit weg, also musste das örtliche Freibad herhalten. Es lag am Ortsrand und hatte nur ein einziges winziges Becken. Unser Vater, der gegen Schwimmbäder und Chlorwasser eine tiefe Abneigung hegte, musste hartnäckig bearbeitet werden, den einen oder anderen Familienausflug mit uns dorthin zu unternehmen. Hatten wir ihn lange genug genervt, begaben wir uns, bepackt mit Badesachen, Handtüchern, Schirm, Verpflegung und Sonnencreme, auf die lange Straße hinaus aus dem Dorf. Mir erschien sie als Kind unendlich lang, vielleicht waren es aber nur ein paar Hundert Meter. Die Hitze flimmerte über der Straße, auf der der Teer schmolz, und machte alles ein bisschen unscharf, und in den Ginstersträuchern am Straßenrand knisterte und knackte es. Die Grillen, die man selten sah, aber immer hörte, veranstalteten einen Mordsradau, als wollten sie uns vor irgendetwas warnen. Hitzschlag vielleicht? Waren wir dann da, setzte sich unser Vater strohbehütet und missgelaunt auf sein Handtuch und las, während unsere Mutter uns in den Badepausen Baguette reichte, belegt mit dem Erzeugnis, dessen Rinde ich bereits großzügig entfernt hatte. Meine Brüder sprangen vom Beckenrand und döppten sich gegenseitig unter, während ich es liebte zu tauchen und meine Bahnen unter Wasser zu ziehen.

    Manchmal fuhren wir auch zu einem der Bäche, die sich durch die provenzalischen Berge schlängeln. Dann saßen wir auf großen, flachen, sonnenerhitzten Steinen, picknickten und badeten in den vereinzelten Becken, die Natur oder Mensch gestaut hatte. Natürlich bauten wir auch selbst kleine Staudämme aus Steinen und Treibgut. Das Wasser war eiskalt, und wir wateten darin herum bis wir lila angelaufene Lippen und Zehen hatten. Um uns herum stoben die Wasserläufer auseinander, wenn wir uns gegenseitig jagten. Wurden es allerdings zu viele von den sechsbeinigen Spinnenwesen, ergriff ich selbst die Flucht und beobachtete sie von einem felsigen Aussichtspunkt aus.

    Mein Taschengeld trug ich zum Lädchen am Dorfplatz und kaufte Schokoriegel. Raider, das heute Twix heißt, oder tam, das später zu Lion wurde. Als ich das erste Mal Lion aß, geriet ich ad hoc in eine temporäre Abhängigkeit. Ich glaube, die Ladeninhaberin musste meinetwegen Extrabestellungen aufgeben. Ich aß die Riegel schichtweise – also erst die Schoko-Karamell- beziehungsweise Schoko-Karamell-Puffreis-Schicht, dann den Keks oder die Waffel. Meine Mutter versuchte erfolglos, mir das abzugewöhnen. Sicher, man konnte auch einfach abbeißen, aber das war nur der halbe Spaß. Das war wie ein Schwimmbadbesuch ohne Proviant oder ein Dorf ohne Katzen. Einmal traf ich ein anderes deutsches Mädchen in meinem Alter, das dabei war, die Katzen zu füttern. Von dem Tag an waren wir für den Rest der Ferien unzertrennlich und stromerten tagtäglich zusammen durchs Dorf, erkundeten den Schlosspark, die eine oder andere Ruine und sammelten Galläpfel, hart und trocken und rund wie Murmeln. Wenn man mit der Nagelfeile den Stielansatz abfeilte, hatte man perfekte Kugeln. Meine Brüder hatten ein Hühnergehege entdeckt und machten sich einen Spaß daraus, wie wild mit einem Salatblatt vor dem Gitter herumzufuchteln. Die gierig herangelaufenen Hühner bewegten ihre Köpfe wie irre Technotänzer hinter dem Salatblatt her, bis sie anfingen zu torkeln, als hätten sie zu viel Cidre getrunken. Das sah ziemlich lustig aus, aber die Tiere taten mir auch leid, deswegen brachte ich ihnen heimlich – um meinen Ruf bei meinen Brüdern nicht zu ruinieren – später ein paar Gemüsereste als Wiedergutmachung und konnte deutlich sehen, dass das Federvieh mir mit freundlichen Blicken und Gurrlauten Absolution erteilte. Dass von den Einkäufen ein nicht unerheblicher Teil verschwand (und, wie wir wissen, bei den Tieren des Dorfes landete), nahmen unsere Eltern mit Gleichmut auf. Aber wehe, man vergriff sich an den kostbaren Persipanrauten namens ‚Calissons d’Aix‘. Das konnte einen schon mal den Nachtisch kosten oder einen Teil des Taschengeldes.

    Am herrlichsten waren die Urlaube auf dem Bauernhof in der Bretagne. Wir rannten durch die Maisfelder und ernteten hin und wieder einen kleinen unreifen Kolben, um zwischendurch darauf herumzukauen und uns einzubilden, wir könnten allein in der Wildnis überleben. Es gab Hunde, Katzen und Hühner, die frei überall herumliefen – und Kühe, die mit dicken Eutern zwischen dem Stall und der Weise hin und her pilgerten. Morgens ging eins von uns Kindern mit der Blechkanne zum Stall, und Monsieur Draoulec, der Landwirt, füllte uns die Kanne mit euterwarmer Milch, die ganz dickflüssig war und ein bisschen nach Karamell schmeckte. Der Geschmack ist unvergesslich.  

    Wurde ein neues Kälbchen geboren, war das natürlich ein Riesenereignis für uns Kinder. Wir durften es streicheln, und es nahm eine ganze Kinderhand in sein Kalbsmäulchen, um zahnlos daran herumzulutschen, was mich mit großer Begeisterung erfüllte. Anschließend wischte ich die Hand an meiner Latzhose ab und rannte in meinen Clogs zur Scheune, wo es uns erlaubt war, ganz oben auf die gestapelten Heuballen zu klettern und von da herunterzuspringen. Das musste man vor lauter Glück und Freude in manchen Momenten einfach tun. Fand ich eine Katze im Heu, konnte ich ewig dort liegen, das Felltier kraulen und seinem Schnurren zuhören. Die Ewigkeit dauerte meist nicht wirklich lang – eine Kinderewigkeit ist eben eine andere als eine Erwachsenenewigkeit. Normalerweise hatte die Katze nach einigen Minuten zu viel von meinen Liebesbekundungen und suchte das Weite.

    ***

    Wir haben inzwischen auch das Weite gesucht, das Freibad verlassen und sitzen im Auto. Ich habe mich strikt geweigert ins Wasser zu gehen oder überhaupt noch länger zu bleiben.

    „So ein verkacktes Schwimmbad, in dem alle gleich aussehen“, wettere ich. Der Schwarzhaarige an meiner Seite grinst.

    „Danke für das Kompliment“, sagt er und nimmt es mir gar nicht übel. Ich ärgere mich nur noch mehr.

    „Was ist denn los?“ will er wissen.

    „Nichts“, grummele ich. Er ist ein kluger Mann und lässt das so stehen. Ich bin leider keine kluge Frau.

    „So einfach gibst du dich zufrieden? Es interessiert dich anscheinend gar nicht wirklich, was los ist.“ Meine Güte, bin ich eine blöde Kuh. Das denkt er sich wohl auch, denn er entgegnet:

    „Ich gehe jetzt Kaffee trinken, und du kannst dir in Ruhe überlegen, was dir stinkt.“ Das Auto kommt in einer Parkbucht zum Stehen. Ich koche. Zu Unrecht, wie ich weiß. Was soll ich machen. Er steigt aus und lässt mich einfach sitzen. Ich starre in der Gegend rum. Mein Blick fällt auf die Muscheln, die seit dem letzten Urlaub im Auto mitfahren. Ich seufze. Muscheln sammeln …

    ***

    Als ich noch ein Kind war, konnte ich davon einfach nicht genug kriegen. Im Bretagne-Urlaub fuhren wir jeden zweiten Tag ans Meer. An die Küste von Finistère. Kilometerlange Strände und versteckte Buchten wurden von mir barfuß abgelaufen, Sandkorn für Sandkorn, auf der Suche nach den Schätzen des Meeres, die da waren: Jakobsmuscheln, die besten Exemplare waren natürlich die, an denen beide Flügelchen unversehrt waren; Sepiaschalen, die ich für meine Kanarienvögel mit nach Hause nahm und an denen sich die Trillermätze mit Wonne die Schnäbel wetzten; Austern, möglichst groß, die daheim zu Seifenschalen umfunktioniert wurden; und natürlich alle anderen Herrlichkeiten, die es am Strand gab – Teile von Krebsen, bunt-schillernde Schneckenhäuser, von fingernagel- bis handtellergroß; und Schmetterlingsmuscheln in zarten Lila- und Rosétönen wie die Himmelsnuancen an kalten Tagen – in solchen Farben sollte man Fußnägel lackieren, fand ich als Kind.

    Wenn man dann mit all den Fundstücken zu dem Platz zurückkam, an dem die Familie campierte, bekamen wir riesige, dünne Scheiben Wassermelone, die uns Clownsgesichter zauberten. Und dann gab es natürlich noch den Sirup, der im Supermarkt in 1l-Blechflaschen verkauft wurde – Minze, Zitrone oder Himbeere. Mein Favorit war der giftgrüne Minzsirup, der mit Wasser vermischt eine etwas bekömmlichere Farbe annahm und gefahrlos getrunken werden konnte. Mein erstes Mal Minzsirup war eine geschmackliche Offenbarung wie später das erste Mal Datteln im Speckmantel. Heute käme ich nicht mehr darauf so etwas ungesundes wie Sirup zu trinken. Mit Wasser verdünnt wird im Urlaub nur noch Pastis – auch nicht gesund, aber immerhin aus Kräutern.

    Natürlich gab es die Schätze aus dem Meer auch hin und wieder auf den Teller. Ich mochte Fisch, der in der kargen Küche des bretonischen Steinhäuschens zubereitet und am Tisch vorm Kamin verspeist wurde. Bis zu dem Tag, an dem ich anscheinend zu sehr geschlungen hatte und eine Gräte tief in meinem Kinderhals steckenblieb. Ich würgte und hustete und kriegte einen roten Kopf. Meine Brüder betrachteten mich mit erwartungsvollem Interesse. Zum ersten Mal in meinem zu dem Zeitpunkt achtjährigen Leben fühlte ich das Ende nahen. Mein Vater rannte los und holte eine Pinzette, meine Mutter riss mir den Mund auf, und in herausragender Teamarbeit befreiten sie mich von dem Mörderteil und schenkten mir ein zweites Mal das Leben. Ich habe bis zur Studienzeit keinen Fisch mehr gegessen – und wenn, dann habe ich ihn zum Erstaunen meiner Kommilitonen mit der Gabel auf dem Teller püriert, bevor ich ihn probiert habe. Bis heute traue ich Fischen nur noch über den Weg, wenn ich sie im Meer oder anderen Gewässern schwimmen sehe.

    ***

    Im Moment schwimmt vor mir ein Teebeutel, ich blase Trübsal und schäme mich für mein kindisches Verhalten. Am liebsten möchte ich mich entschuldigen, aber ich will auch noch schmollen – so wie früher als Kind. Ich gehe runter zum dm an der Ecke. Ich brauche Trostnahrung. Erstmals seit Jahrzehnten kaufe ich mir ein Lion. Und dazu einen Nagellack. Farbe: Flieder. In Gedanken streiche ich Flieder und schreibe Schmetterlingsmuschel. Zurück in der Wohnung esse ich den Schokoriegel nach guter alter Manier Schicht für Schicht. Dann lackiere ich mir die Fußnägel und denke an Muscheln.

    ***

    Als ich noch ein Kind war, habe ich einmal eine noch ganze, geschlossene Muschel gefunden, als der bretonische Markt vorbei war und keine Stände mehr zu sehen waren. Es war keine Miesmuschel, sondern so eine helle, geriffelte. Ich nahm sie mit und bat meine Mutter, mir das Schalentier zuzubereiten. Sie hatte aber keine Ahnung von der Muschelzubereitung, warf den Straßenfund einfach in kochendes Wasser, und als das arme Tier aufgegangen war, legte sie es mir auf einen Teller. Ich friemelte das fleischige Stückchen mit Gabel und Fingern heraus, steckte es in den Mund und biss zu. ‚Beurck‘ sagt der Franzose, ich sagte einfach ‚iiieh‘ und spuckte das Ding wieder aus. Ich schob die Unterlippe vor und schmollte, wie ich es damals ständig tat. Wahrscheinlich wegen des angenehmen bilabialen Erlebnisses. Die Muschel erinnerte mich an Gummi – so wie die Tintenfischringe, die mein Opa beim Italiener aß und mich immer wieder probieren ließ. Da war aber wenigstens Panade dran. So wie an Wiener Schnitzel. Essen gehen war etwas, was wir vor allem mit den Großeltern machten. ‚Zum Italiener‘ war wie Ferien. Unter der Decke hingen Fischernetze mit Plastikkrebsen und -fischen, aus den Lautsprechern kam ‚Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt‘ und dann: klitzekleine warme Brötchen mit sahneweicher Kräuterbutter, die im Töpfchen schon ganz gelb geworden war. Konnte es etwas Besseres geben? Für mich kaum …

    Bretonische Crêpes vielleicht. Manchmal wurde auf dem Bauernhof eine lange Tafel aufgebaut, und Monsieur Draoulec bereitete mit viel gesalzener Butter die besten, dünnsten Pfannkuchen der Welt zu. Dazu floss für die Erwachsenen der Cidre in Strömen, für uns Kinder gab es die üblichen Sirupgetränke. Ich durfte allerdings mal am Glas meines Vaters nippen und fand den Cidre gar nicht schlecht, woraufhin ich heimlich alle Cidrereste aus diversen Gläsern unbemerkt austrank und am nächsten Tag den ersten Kater meines Lebens hatte. Seither bin ich in Sachen Cidre ein gebranntes Kind.

    Apropos, eines Nachts weckten unsere Eltern uns und trieben uns in aller Eile aus dem Haus. Der Hühnerstall nebenan stand in Flammen. Ich war hin und weg. An die Hühner habe ich gar nicht gedacht – ich hatte noch nie ein brennendes Haus gesehen. Es war im Dunkel der Nacht ein fantastisch-infernalisches Spektakel. Außerdem durften wir mitten in der Nacht wach sein – etwas, was ich durch wiederkehrendes Die-Treppe-Herunterschleichen immer wieder, meist ohne Erfolg, zu erreichen versuchte: Ich habe Durst (trink ein Glas Wasser und dann ab ins Bett); ich habe Hunger (wir haben eben gegessen, zisch ab); ich habe Angst (wir sind hier und passen auf, du brauchst keine Angst zu haben); kann ich noch ein bisschen mit vorm Kamin sitzen (jetzt reicht’s aber, jetzt wird geschlafen)! Dann blieb nur noch die übliche Taschenlampe unter der Bettdecke, solange niemand petzte (die hat wieder die Taschenlampe an, ich kann nicht schlafen).

    Jedenfalls war mir die ganze Aufregung der Erwachsenen angesichts der Flammen ein Rätsel. Die Feuerwehr kam und löschte das Feuer. Die Hühner waren alle tot. Ein paar Tage später durften wir mal rein in die schwarz-verkohlte Ruine, und da habe ich einen Klumpen gefunden, wie ein riesiger Edelstein. Geschmolzenes Glas. Dieses Pseudojuwel habe ich immer noch. Ich weiß nicht, warum ich ausgerechnet diesen Schatz aus der Kindheit aufgehoben habe.

    Um die Hühner tat es mir leid, zumal wir in anderen Jahren dabei helfen durften, sie einzufangen, wenn bei Familie Draoulec Hühnchen auf dem Speiseplan stand. Hühner einfangen war ein großer Spaß, ich rannte so lange immer hinter dem am nächsten herumhüpfenden Huhn her, bis ich eins hatte. Einmal habe ich allerdings gesehen, wie zwei Hühner an den Füßen aufgehängt im Stall an einer Stange baumelten, aus den Schnäbeln lief Blut in zwei Eimer, und die Hühner flatterten noch mit den Flügeln. Das war mir unangenehm, und ich hab mich schnell aus dem Staub gemacht. Später habe ich aber der alten Madame Draoulec dabei zugeschaut, wie sie einem Huhn alle Federn abgerupft hat, bis es so aussah wie die Hühner im Supermarkt.

    Die Episode mit der Gräte war übrigens nicht das einzige Nahtoderlebnis, das ich in der Bretagne hatte. Als ich elf war, verbrachten wir wieder einmal die Ferien auf dem Hof der Familie Draoulec. Ich bekam Bauchschmerzen und wurde ziemlich unleidlich. Der Dorfarzt diagnostizierte eine Magenverstimmung und verordnete Lindenblütentee – ein weiteres Lebensmittel, das mir seither verleidet ist, was meine Liebe zur Bretagne aber nicht geschmälert hat. Jedenfalls brachte mich der vermaledeite Kräuterpunsch nicht voran. Im Gegenteil. Die Schmerzen wurden immer schlimmer. Ich blieb im Bett und kannte nach zwei Tagen alle Astlöcher und jede Kurve der Maserung an den Wänden des Gemachs, die aus groben Brettern bestanden. Ich sah dort Gesichter und Tiere; ganze Geschichten spielten sich auf dem Holz ab. Ich würde es gern meiner Fantasie zuschreiben, vielleicht habe ich aber auch deliriert. In der dritten Nacht meines Krankendaseins wurde mein Gejammer so unerträglich, dass meine Eltern mich ins Auto trugen und zum nächsten Krankenhaus fuhren, das immerhin eine gute Stunde entfernt war. Es war eine akute Blinddarmentzündung. Ich wurde operiert und bekam nun jeden Tag Besuch von der Familie, immer ein kleines Geschenk im Gepäck, eine Karte mit einem Pierrot (diese melancholischen Clowns waren damals ganz groß in Mode), ein Tagebuch – und sogar einen Arztkoffer. Meine Brüder, die mich zuvor als Memme verlacht hatten, schlichen demütig um mich herum, und ich genoss es sehr. Zu meinem Glück war ich in einer Privatklinik gelandet, hatte ein eigenes Zimmer, formidable Verpflegung (meine erste Crème Caramel!) und dazu Schwester Fride, die aus dem Elsass stammte und deutsch mit mir sprach. Alles in allem ein Erlebnis, mit dem ich nach den Ferien prahlen konnte – und trotzdem war ich froh, als wir wieder auf dem Hof ankamen und meine Mutter die Tür zu unserem Häuschen aufschloss.

    ***

    Ich höre den Schlüssel im Schloss. Mein Freund kommt herein und setzt sich mir gegenüber.

    „Wie wär’s, sollen wir zur Kirmes gehen, ein Crêpe essen und du erzählst mir, was dich ärgert?“

    Was habe ich da für einen Goldschatz! Viel besser als geschmolzenes Glas!

    „Es tut mir leid …“, sage ich, „ich weiß auch nicht, was mit mir los ist.“ Ich fange an, hektisch den Herd zu putzen.

    „Lass doch mal die Putzerei, und setz dich wieder.“ Ich setze mich und suche erneut nach einer Erklärung.

    „Ich erkenne mich selbst nicht wieder, mich strengt alles so furchtbar an. Ich könnte ständig ausrasten – wegen nichts.“

    „Hat das was mit mir zu tun?“

    „Nein, auf keinen Fall. Es ist einfach gerade alles Scheiße. Ich kann mich zu nichts aufraffen, ich schlafe schlecht, ich weiß auch nicht. Ich sehe nur noch schwarz. Dabei war ich immer so positiv …“ Ich fange an zu heulen. Wie ein Kind, das nicht mehr weiterlaufen will. Er ist ratlos. Ich bin ratlos. Ich will gerettet werden und weiß, dass ich es selbst tun muss. Ich wünschte, ich wäre wieder acht. Da mir nichts Besseres einfällt, schniefe ich:

    „Lass uns Urlaub in der Bretagne buchen, ja?“

    „Okay.“

    Okay? Einfach so? Ich kann es nicht fassen. Ich werde Muscheln sammeln, keinen Fisch essen, jede Menge Crêpes verschlingen und keinen Cidre konsumieren. Außerdem nehme ich einen Stapel Bücher mit und lese, wann ich will, auch ohne Taschenlampe. Er massiert sich die Schläfen wie meine Eltern nach durchfahrener Nacht.

    „Aber du weißt, dass das nicht die Lösung ist, oder?“ Ich weiß es. Ich bin ja kein Kind mehr.