Schlagwort: Ruhrgebiet

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    Dortmund

    Prekär [so beschaffen, dass es schwierig ist, richtige Maßnahmen, Entscheidungen zu treffen, dass man nicht weiß, wie man aus einer schwierigen Lage herauskommen kann]

    Die Straße lag wie ein langer grauer Teppich da. Jeden Moment könnte jemand kommen, ihn zusammenrollen und wegtragen. Dann hätte sie noch nicht mal mehr eine Adresse. Vom Klo, das sich in einem eckigen Erker befand, konnte sie die geteerte Schneise zwischen den mehrstöckigen Rauputzfassaden entlangblicken bis zur T-Kreuzung. Vor Kopf stand ein weiteres Haus, das sich durch nichts von denen in ihrer Straße unterschied. Es war weit genug weg, dass man sie nicht erkennen konnte. Aber es war auch egal. Was war schon spektakulär daran, wenn eine 59-Jährige aufs Klo ging? Konnten sie ruhig sehen, falls sie sich die Mühe machten, ein Fernglas zu benutzen. Ihre Füße standen auf dem billigen Vinylboden, den sie beim Einzug gekauft hatte. Im Laden hatte ‚Terracotta‘ auf dem Schild gestanden. Tatsächlich aber sah der Boden schmutzig-rosa aus. Die Ecken waren nach oben gebogen. Sie hatte sich keinen Handwerker leisten können und war selbst handwerklich völlig unbegabt. Im Schweiße ihres Angesichts hatte sie den Vinyllappen zugeschnitten – mit einem etwas zu großen und an den Kanten ausgefransten Ausschnitt für den Klosockel. Für Kleber hatte es nicht gereicht. Weder das Budget noch die Willenskraft. 

    Nachdem sie abgezogen hatte, ging sie durch den winzigen Flur, in dem sie grau marmorierten Vinylboden verlegt hatte, in die ebenfalls grau marmorierte Küche, um sich die Hände zu waschen. Sie fragte sich, warum sie das überhaupt tat. In ihrem Universum lebte sie doch ohnehin ganz allein. Einmal im Jahr kam Gabi und führte sie zum Essen aus. An ihrem Geburtstag. Nur noch sehr selten sah sie Evi, die viel jünger war als sie und spät Mutter von Zwillingen geworden. Das Familienleben und der Vollzeitjob nahmen die alleinerziehende Mutter einfach zu sehr in Anspruch. An sich telefonierten sie nur noch hin und wieder. Viel mehr passierte doch nicht mehr außerhalb ihrer Wohnung. Welche Rolle spielte da Hygiene. Trotzdem war es niemals dreckig bei ihr. 

    Unter dem einheitlich schiefergrauen Himmel, der wie ein überdimensionaler Deckel über dem Stadtteil hing, sah sie jemanden um die Ecke biegen. In plötzlich erwachter Erregung reckte sie den Hals. Kam er zurück? Nein, am Gang erkannte sie, dass es Herr Koslowski von nebenan war. Natürlich kam er nicht zurück. Niemand kam jemals zu ihr zurück. Nur der Postbote, der ihr Mahnungen vom Amt brachte – oder Werbung für Dinge, die sie sich nicht leisten konnte. Sie konnte sich schon lange nichts mehr leisten. Noch nicht einmal Zuversicht. Es war nur eine kurze Episode gewesen, die sie das hatte glauben lassen. Diese Episode trug den Namen Manfred. Sie hatte ihn ‚aufm Amt‘ kennengelernt, wie man hier so sagt. Aufm Amt – wäre es ihr nicht so verhasst, würde sie es als zweites Zuhause bezeichnen, so oft und lang hatte sie schon dort gesessen. Aber das einzig Gute, was es ihr gebracht hatte, war Manfred gewesen. Seit Rudi der erste Mann, der ihr ernsthaft etwas bedeutete.

    Vor 15 Jahren, als Rudi starb, hatte sie noch echte Freundinnen gehabt. Und ihre Mutter. Rudi hatte doch gar nichts Schlimmes gehabt. Eine Lappalie hatte ihn ins Krankenhaus gebracht. Und als sie morgens in das stickige Zimmer kam, um ihn zu besuchen, schaute der Bettnachbar sie ängstlich an. Rudis Bett war leer. Lungenembolie. Weg. Einfach so. Sie hatte Susanne und Gabi angerufen, und abends hatten sie sich zusammen mit Chardonnay betrunken. Das war an einem Donnerstag. Gabi hatte sich den Freitag freigenommen und blieb das ganze Wochenende. Trotz Rudis Tod nach 12-jährigem Zusammenleben hatte sich alles – zumindest in der Rückschau – irgendwie erträglich angefühlt. Aber dann kam das Amt ziemlich schnell auf den Trichter, dass sie ja gar kein Recht hatte, als Hartz-IV-Empfängerin allein in der 2-Zimmer-Wohnung mit Parkettboden, Küche, Bad und Balkon zu wohnen, denn die hatte fünf Quadratmeter mehr als ihr zustanden. Rudis Bruder half beim Entrümpeln, und sie … Sie fand die Vinylbude.

    „Ist doch ein schönes Viertel, zentral, alles in der Nähe“, hatte Gabi gesagt, um ihre Zweifel zu zerstreuen. Die hatte gut reden mit ihrem Haus mit Garten. Hatte sie schon mal in einer Wohnung ohne Bad gelebt? Es war natürlich nur gut gemeint. Sie nahm die Wohnung, sie hatte ja keine Wahl. Ein Zimmer, Küche, Klo – ganz toll. Dusche in der Küche. Kein Balkon. Ein betonierter Innenhof, in dem ein paar kümmerliche Bäume ihr Dasein fristeten und mit denen sie sich gleich solidarisch fühlte. Susanne und Gabi hatten ihr ein bisschen beim Streichen geholfen, aber sie wohnten in anderen Städten und waren berufstätig. Und ihre Mutter schon damals gesundheitlich angeschlagen. Sie hatte das Beste draus gemacht, aber manchmal war das Beste eben irgendwie nachhaltig niederschmetternd. Die schief hängenden Rollos, das durchgesessene Sofa, das sie mit einer selbstgestrickten Decke aufgehübscht hatte, die schäbige Einbauküche, die der Vormieter dagelassen hatte. 

    Im Laufe ihrer Zeit ohne Erwerbsarbeit hatte sie festgestellt, dass sich ein Freundeskreis stark verändern kann, wenn man kein Geld mehr hat. Veränderung meint in diesem Fall Dezimierung. Immerhin stellte man fest, wer die echten Freunde waren. Nur schade, dass es nur noch so wenige waren. Susanne beispielsweise hatte ihr eines Tages verkündet, sie solle sich einfach mal zusammenreißen, andere Leute würden schließlich auch für ihr Geld arbeiten. Das war das Letzte, was sie von ihr hörte. Gabi war genauso empört gewesen wie sie selbst. Ein schwacher Trost. Aber gut gemeint, klar. Sie hatte all das ad acta gelegt und sich neue Freundschaften in den sozialen Medien angeschafft. Facebook war eine großartige Erfindung. Die Freunde, die hier Follower hießen, erwarteten nicht, dass man zusammen spazieren ging (Rückenschmerzen), ins Kino (kein Geld), ins Café (kein Geld), ins Konzert (kein Geld). Sie mussten nicht alles wissen – was man preisgab, reichte.

    Vor einem dreiviertel Jahr war dann ihre Mutter, die letzte Angehörige, die sie noch gehabt hatte, gestorben. Irgendwie waren alle gestorben oder eben so gut wie gestorben. Im Supermarkt hatte neulich jemand den Tod irgendeines Prominenten mit den Worten kommentiert:

    „Ich glaub, wennse auffe Welt komms, is dein Wecker schon gestellt.“

    Sie fragte sich, ob sie den Wecker einfach überhört hatte. Wieso war sie noch da und musste ihre Zeit allein oder aufm Amt verbringen?

    Als ihre Mutter ihren letzten Atemzug getan hatte, sandte sie eine Nachricht deutsch/englisch/französisch in den Äther und wurde von ihren Facebook-Freunden aus aller Welt mit den liebevollsten Kondolenznachrichten überschüttet, viele davon auf Französisch. Französisch konnte sie gut. Früher hatte sie davon geträumt, nach Frankreich auszuwandern. Vielleicht in die Bourgogne? Bunte Dächer, alte Schlösser, malerische Weinberge – das hätte ihr gefallen. Aber auch die Franzosen wollen insolvente deutsche Logistikkauffrauen nicht haben. Ja, Logistikkauffrau, das war sie gewesen. Sie war gut darin, aber es erfüllte sie nicht. Als die Firma pleiteging, finanzierte das Amt eine Fortbildung. Webdesign. Das tat es allerdings bei allen, denn es war zu der Zeit grad Trend und angeblich ‚die Zukunft‘. Jedenfalls fand sie als über 40-Jährige mit einer Webdesign-Fortbildung einfach keine Stelle. Zukunft adé. Und dann kam die Phase mit den 1-Euro-Jobs, die ihr die letzte Würde und Zuversicht nahm. Achtmal schickte das Amt sie irgendwohin, wo sie Akten sortieren, Müll aufsammeln, dem Hausmeister zur Hand gehen oder an einer Laminiermaschine stehen musste. Alles Tätigkeiten, die ihr aufgrund ihrer chronischen Ischiasbeschwerden viel abverlangten. Ungeachtet dessen gab sie ihr Bestes, erschien täglich pünktlich und arbeitete sorgfältig. Und trotzdem teilte man ihr jedes Mal kurz vorm Übernahmetermin mit, man habe nun doch keinen Bedarf. Fadenscheinige Erklärungen, mit denen sie sich abfand, weil ihr Selbstbewusstsein für beharrliches Nachfragen nicht ausreichte. Sie war eben nicht mehr jung. Und besonders repräsentativ sah sie wohl auch nicht aus? Irgendwann gab auch das Amt auf. Sie. Es gab sie auf. Und sie tat es ebenfalls.

    Sie war in den Monaten nach dem Tod ihrer Mutter und vor dem Schicksalstreffen mit Manfred sprichwörtlich auf dem Zahnfleisch gekrochen. Psychisch, körperlich und finanziell. Dann waren echte Zahnschmerzen dazugekommen. Mörderische Zahnschmerzen. Der Zahnarzt hatte eine Wurzelbehandlung durchgeführt. Ihre Mutter hätte ihr gut zugeredet.

    „Schätzeken, rubbel die Katz‘ is dat Problem vorbei“, hörte sie sie in Gedanken sagen, „dein Humor, der hält dich oben, glaub mir.“ Aber leider war ihre Mutter nicht mehr da – und ihr sagenhafter Humor, auf den sie sich immer hatte verlassen können, irgendwie auch nicht. In der Realität hörte sie den Zahnarzt sprechen.

    „Dann packen wir das Problem mal bei der Wurzel“, hatte er mit einer zufriedenen Selbstsicherheit gefrotzelt, die sie persönlich nie kennengelernt hatte. Die Prozedur war schrecklich gewesen, und die Schmerzen kamen wieder, nur anders irgendwie. Mit derselben Selbstsicherheit sagte der Zahnarzt:

    „Tja, da muss der Kieferchirurg ran.“ Sie ahnte Schlimmes. Wurzelspitzenresektion. Geräusche wie beim Holzfällen. Blut und Fäden im Mund. Ihre letzten Penunzen trug sie mit schlurfenden Schritten zur Apotheke und löste ihr Rezept für Antibiotikum und Ibuprofen 600 ein. Das Geld sparte sie beim Essen ein, denn an essen war ohnehin nicht zu denken. Ihr Gesicht schwoll dick an, und von den Schmerzmitteln bekam sie eine Magenschleimhautentzündung. Sie setzte das Medikament ab und ertrug ihr Leiden. Nach acht Tagen war ihr Gesicht immer noch dick, und Eiter floss zwischen den Fäden hervor, als sie zum Ziehen selbiger erschien.

    „Ups, da haben Sie aber Pech gehabt, die Wunde hat sich ja ganz schön entzündet“, meinte der Kieferchirurg lapidar und schickte sie zurück zum Zahnarzt. In aller Selbstzufriedenheit zog er ihr, nachdem das Leben ihr schon so viele Zähne gezogen hatte, auch noch dieses entzündete Exemplar.

    „Ist doch nicht so schlimm. Die Lücke sieht man nur, wenn Sie breit lachen“, erklärte er ihr im Ton eines dubiosen Onkels, und sie meinte sein strahlend weißes Gebiss durch die Maske leuchten zu sehen. Zahnersatz war für sie nicht drin, das war ihnen beiden klar. Und breit lachen – das tat sie ja eh nicht mehr. Bis Manfred kam. Bevor er auftauchte, hatte sie sich allerdings eingehend damit beschäftigt, wie sie ihren geschundenen Körper mitsamt dem geschundenen Geist ins Jenseits befördern könnte. Es konnte dort nur besser werden. Selbst wenn da nichts war. Es war erstaunlich, was im Internet alles zu finden war. Minutiöse Anleitungen für den perfekten Suizid. Alles gratis. Sie hatte sich eine Liste angefertigt. Aber dann war im Baum vor dem rückwärtigen Fenster zum Innenhof das Eichhörnchen aufgetaucht, und sie hatte die Entscheidung vertagt. Die Liste lag auf dem angestoßenen, mit Birkenimitat laminierten Couchtisch. Ein paar Tage später traf sie Manfred und versteckte ihre Selbstmordpläne unter einem Bücherstapel neben dem Sofa.

    Manfred und sie hatten denselben Sachbearbeiter, vor dessen Tür sie gesessen hatten. Und dann war das Unerwartete passiert. Er hatte sie gefragt, ob sie einen Kaffee mit ihm trinken würde, ‚wenn sie hier raus wären‘. Es hörte sich an, als wären sie dabei, an ihren Gefängnisgittern zu feilen. Ja, das wollte sie. Und als die erste Überraschung verflogen war, sagte sie ihm das auch. Dass sie nach dem Kaffee gern mit ihm den Amtskerker sprengen und sich wie Bonnie und Clyde auf die Flucht begeben würde, behielt sie für sich.

    Weil die badlose Wohnung so nah beim Amt lag, waren sie zu ihr gegangen. Milch hatte sie nicht. Er sagte, er trinke seinen Kaffee sowieso am liebsten schwarz. Stimmte das überhaupt? Wenn sie später manchmal bei ihm waren, gab er immer Milch in seinen Kaffee. Sein Vater war kürzlich gestorben. Er habe ihn anderthalb Jahre lang gepflegt, habe seinen Job verloren und ach … eine Verkettung widriger Umstände habe ihn zum Hartz-IV-Empfänger gemacht. Es schien ihm peinlich zu sein. Aber war es das nicht immer? Eine Verkettung widriger Umstände? Sie selbst hatte schließlich auch mal einen ‚richtigen‘ Job gehabt. Manfred hatte einen 1-Euro-Job und war wild entschlossen, zurückzukommen in den sogenannten ersten Arbeitsmarkt.

    „Das schaffst du“, hatte sie gesagt, ihre Bedenken unter- und seine Hand gedrückt. Erstmals seit Beginn der Coronazeit und dem Tod ihrer Mutter hatte sie überhaupt Körperkontakt. Es fühlte sich gut an. Sogar überragend gut. Mit Manfred waren die positiven Überraschungen in ihr Leben gekommen. Er machte ihr Komplimente für ihre Augen, ihre Hände, ihren Witz und ihre Klugheit. Mit ihm konnte sie über alles reden. Zumindest am Anfang. Von ihren eigenen 1-Euro-Job-Erfahrungen erzählte sie Manfred nur einen Bruchteil, denn er kommentierte ‚hättest du mal‘, ‚warum hast du nicht‘ und so weiter. Er schien wirklich zu glauben, sie hätte sich nicht genug bemüht. Sie verstand das, schließlich war er das erste Mal in einer solchen Maßnahme. Und sie war seit langem das erste Mal wieder in einer Beziehung. Mit jemandem, der ihre Probleme verstehen konnte, zumindest im Großen und Ganzen. Manchmal besuchte sie ihn, aber meistens kam er zu ihr. Sie hatte ihm den Zweitschlüssel gegeben, damit er jederzeit Zugang zur Vinylheimeligkeit hatte. Sie schmissen ihre Vorräte zusammen, kochten, schauten Filme und Serien, meist französische auf arte, und schliefen zusammen in ihrem 1,20-m-Bett. Sein Schnarchen störte sie nicht, es klang in ihren Ohren vielmehr wie ein beruhigendes Gurren. Morgens verließ er früh die Wohnung, um zu seinem 1-Euro-Job in der Tischlerei zu eilen. Er war fit und gesund und konnte anpacken. Und es begab sich zu der Zeit ihres Zusammenseins, dass der Chef ihm – noch vor Ablauf der kritischen Probezeit – mitteilte, er würde übernommen. Sie war vollkommen überrascht. Manfred stand mit Sekt und Blumen vor der Tür, und sie feierten seinen Erfolg. Sein ‚neues Leben‘, wie er sagte.

    „Jetzt müssen wir nur noch dich in Lohn und Brot bringen“, strahlte er. Und da wurde ihr mulmig. Dachte er wirklich, das sei so einfach möglich?

    „Wie denn?“

    „Lass dir was einfallen. Du bist doch qualifiziert, du sprichst fließend Französisch …“

    Sie verbrachte Wochen damit, wieder Bewerbungen zu schreiben, nachdem sie in ihrem Leben bereits Hunderte davon verschickt hatte. Mit 59, Rückenschmerzen und dem Selbstbewusstsein einer Amöbe. Insgeheim wünschte sie, Manfred hätte den Job nicht bekommen. Mit der neuen Perspektive hatte er sich von ihrem Universum entfernt. Bedingung für ein Zusammenbleiben war, dass auch sie einen Job fand, das war unausgesprochen klar. Aber es kamen nur Absagen. Manfreds Besuche wurden weniger. Er habe halt wahnsinnig viel zu tun. Mit jeder neuen Absage wurde Manfred distanzierter. Bis er ihr vor zwei Tagen den Schlüssel auf den Tisch legte und sagte, es tue ihm leid, es passe wohl doch nicht mit ihnen beiden. Unbeweglich wie eine Querschnittsgelähmte hatte sie dagesessen. Gelähmt von den Haarspitzen bis zu den Fußsohlen. So hatte sie den Rest des Tages verharrt. Dann hatte sie den Schlüssel zusammen mit ihrem kurzen Ausflug ins Glück an den Nagel neben der Tür gehängt und sich wie narkotisiert ins Bett gelegt. Überrascht hatte Manfred sie diesmal nicht. Aber sogar vollkommen Hoffnungslose hoffen manchmal noch. Das ist wie mit den Hühnern, die ohne Kopf noch rennen. Sie hatte die letzten zwei Tage einfach gewartet. Auf die Idee, zu ihm zu fahren, ihn zur Rede zu stellen, ihn anzuflehen oder ähnliches war sie gar nicht gekommen. Sie verhielt sich stickum. Hinnehmen, stillhalten, warten, das hatte sie gelernt. Fordern nicht.

    Es klingelte, und ein schwacher Hoffnungsschimmer flimmerte durch ihren Körper. Sie ging langsam zur Tür und öffnete mit Händen, die von einem heftigen Tremor erfasst waren. Da stand … der Postbote mit einem Einschreiben. Vom Amt.

    „Danke“, wisperte sie. Niemals unhöflich sein. Schon gar nicht zum letzten Getreuen. Sie setzte sich aufs Sofa und legte das Einschreiben ungeöffnet neben sich. Zu ihrer Linken ragte der Bücherstapel in ihr tränengetrübtes Blickfeld. Sie streckte die Hand nach der Suizid-Liste aus. Das Eichhörnchen schaute durchs Fenster. Das Handy vibrierte. Eine Nachricht von Gabi.

    „Morgen ist dein Geburtstag. Ich komm vorbei und führe dich zum Italiener aus, okay?“ Ihr Geburtstag. Den hatte sie vergessen. 59. War das ein Grund zum Feiern? Ihr fiel dieser Schlager ein, keine Ahnung warum: Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an. Vielleicht war da was dran? War das bisher alles gar nicht ihr Leben gewesen? Kein schlechter Gedanke. Sie wäre dann Rentnerin. Keine Termine mehr aufm Amt. Keine Rechtfertigungen. Wie ein KI-gesteuerter Roboter schrieb sie zurück.

    „Ja gern, ich freu mich.“ Freude. Das war ein bisschen übertrieben. Eine Floskel, die sie automatisch verschickte. Es war eher so, dass sie überhaupt noch etwas spürte. Sie schien immer noch zu leben, die elementaren Vitalitätsfunktionen waren noch da. Sie würde morgen essen gehen. Das war doch was. Sie schickte ein Herz hinterher. Vielleicht hatte sie den Wecker doch nicht überhört.  

     

  • Rünthe

    Rünthe

    Freizeitwert und Industriecharme in Harmonie, so könnte ein Slogan für die Marina Rünthe lauten. Denn hier, im östlichen Ruhrgebiet am Datteln-Hamm-Kanal, kommt Urlaubsfeeling auf, wenn der Blick über die Boote und das Wasser schweift, in der Ferne Hochöfen und Kühltürme zu sehen sind, und auf dem Tisch das Eis schmilzt, wenn die Aussicht zu sehr ablenkt.

    Rünthe ist ein Stadtteil von Bergkamen, einer vom Steinkohlebergbau geprägten Stadt, die bis Ende der 90er-Jahre wohl kaum zu den beliebtesten Ausflugszielen der Region zählte. Doch 1999 wurde der Jachthafen in Rünthe eröffnet. Wenn hier das Hafenfest stattfindet, wird’s voll, ansonsten lassen sich vor Ort beschauliche Stunden verbringen und verschiedene gastronomische Angebote nutzen.

    „Wer heute die Marina Rünthe besucht, kann kaum glauben, dass sie in einem ehemaligen Kohleumschlaghafen errichtet wurde.“ (marina-ruenthe.de)

    Ein besonders schönes Ziel ist der Hafen für alle, die mit dem Fahrrad anreisen, denn der Radweg am Kanal verläuft von Datteln bis Hamm direkt am Wasser. 47 Kilometer autofreies Radvergnügen mit Zwischenstopp in der Marina – perfekt für einen sonnigen Feiertag!

  • Dortmund

    Dortmund

    Alle wichtigen Ereignisse in seinem Leben hatten an einem Donnerstag stattgefunden. Er war an einem Donnerstagnachmittag geboren, hatte an einem Donnerstag seinen Moped-Führerschein gemacht und kurz danach bei einem Unfall an einem Donnerstag seinen linken Arm verloren. An einem Donnerstag hatte er Margret, genannt Maggie, kennengelernt, und sie hatten natürlich an einem Donnerstag geheiratet, was wirklich ungewöhnlich war. Man heiratet schließlich nicht donnerstags. Aber so war es. An einem Donnerstag wurde ihre Tochter geboren, und vier Jahre später trug er Frau und Kind an einem Donnerstag zu Grabe. Auch das ungewöhnlich, aber wahr. Eine Beerdigung an einem Donnerstag, hatten die Leute getuschelt. Das war jetzt 30 Jahre her, und Heinz Wreszinski trauerte noch immer. Er war jetzt Anfang 60, in Altersteilzeit, und jeden ersten Donnerstag im Monat besuchte er den Ostpark, den Friedhof, wo seine geliebte Maggie und seine süße Fernanda die letzte Ruhe gefunden hatten. Unter einer gigantischen Linde waren die beiden Urnen versenkt worden. Und Heinz hatte sich während des Vorgangs und auch danach immer wieder gefragt, wie es sein konnte, dass die beiden Behältnisse gleich groß waren. Schließlich war Maggie eine stattliche, ziemlich mollige Schönheit gewesen. Und die kleine Fernanda mit den Streichholzärmchen und -beinchen schaffte es beim Versteckspiel auch mit vier noch, sich in den Wäschekorb zu quetschen.

    Heinz seufzte tief und vernehmlich, als er an diesem Donnerstag auf dem kleinen Steinbänkchen unter der Linde Platz nahm. Etwa zehn Minuten saß er einfach so da, hielt sein Gesicht in die warm leuchtende Oktobersonne und ließ die Gedanken schweifen. Dann tauschte er, wie immer, die roten und weißen Rosen in der grünen Plastikvase gegen die vertrockneten vom letzten Besuch, und wie immer dachte er daran, wie die schwangere Maggie, bekennender ABBA-Fan, ihm mitgeteilt hatte, das Kind solle Fernando heißen. Falls es ein Mädchen würde Fernanda. ‚If I had to do the same again, I would, my Friend, Fernanda’, sang er leise, während er die Blumen zurecht drapierte. Über ihm ließ der Herbstwind die Blätter rascheln, und außer ihm war niemand zu sehen. Zumindest sah Heinz niemanden, auch nicht die Frau, die ihn aus einiger Entfernung beobachtete.

    Kapitel 1 aus „Der einarmige Heinz“

  • Unna

    Unna

    Nanu! Du kennst Unna nicht? Dann ist es Zeit für ein Kennenlernen. Nicht, weil Unna so sagenhaft aufregend wäre. Es ist vielmehr einfach ein nettes Städtchen am Rande des Ruhrgebiets, gut für einen kleinen Bummel mit Cafébesuch. Es gibt dort aber eine echte Attraktion: das Zentrum für Lichtkunst!

    „Licht ist nicht das, was enthüllt – Licht ist die Offenbarung selbst.“

    James Turrell

    Der „Skyspace“ von James Turrell oder „Der reflektierende Korridor“ von Olafur Eliasson machen den Besuch zu einem unvergesslichen Erlebnis. Dringender Ausflugstipp!

  • Dortmund

    Dortmund

    Dieser zauberhafte Mangrovenwald befindet sich nicht in Indien oder Mexiko, sondern in Dortmund, wo die Liebe nicht rot, sondern schwarz-gelb ist. Wer ihn sehen möchte, muss den schönsten Park der Stadt aufsuchen, den Rombergpark. Et is schön da.